Die vierte Welle trifft Kinder und Jugendliche besonders hart

Die“ leiden unter Covid-19 nicht besonders. Diese Aussage über Kinder und Jugendliche und ihre Covid-19-Infektionen hält sich bis heute. Sie begründet auch, dass Schulen und Kindergärten aus dem Lockdown ausgenommen werden. Zudem gebe es ein Sicherheitskonzept, meint Bundesminister Fassmann in Interviews. Doch, das Sicherheitskonzept hat Löcher. So sind etwa die Alles spült-Tests weniger sensitiv als Alles gurgelt, weil dies bei der Ausschreibung seitens des Ministeriums so gewollt war.

Wir haben die derzeit verfügbaren Daten zu Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus zusammengetragen. Fest steht: Es gibt ein massives Underreporting in diesem Bereich. So sind auf Semiosis-Nachfrage keine aktuellen Daten zu Kindern und Jugendlichen verfügbar. Das Bild ist dennoch eindeutig: Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren können sehr schwer erkranken. Die Aussage, dass sie Covid-19 nicht betrifft, war und ist schlicht nicht haltbar. Tagesaktuell wird gemeldet, dass die Kinderintensivstationen in Graz und Linz bereits fast voll sind.


115 Kinder und Jugendliche waren intensivpflichtig.

Die staatseigene Gesundheit Österreich GmbH wertet die Meldungen der Krankenhäuser an den Bund aus. Diese Daten geben einen guten Überblick über die medizinischen Diagnosen von Patient*innen, die mit Covid-19 ins Krankenhaus kommen mussten. Seit rund einem Jahr veröffentlicht die Gesundheit Österreich dazu Factsheets. Das aktuellste geht bis 30. September 2021. (Siehe Download am Ende des Beitrags)

Demnach lagen seit Beginn der Pandemie 58 Kinder im Alter bis neun Jahren auf einer Intensivstation. In der Altersgruppe von zehn bis 19 Jahren waren 57 junge Patient*innen intensivpflichtig. Auf Intensivstationen sind sechs Kinder und Jugendliche gestorben.

CovidKids auf Intensivstationen

202101/21 - 05/2106/21 - 09/21202001/20 - 08/209/2020 - 12/2020
0-19 Jahre46170-191042
0 - 928110 - 9514
10 - 19 18610 - 19 528
20 - 29512420 - 291538
verstorben 0-1932verstorben 0-1901

1255 Kinder und Jugendliche lagen mit Covid-19 im Spital

In demselben Factsheet der Gesundheit Österreich findet sich auch eine Auflistung aller Krankenhausaufenthalte von Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Pandemie. Ihr zufolge waren in den Altersgruppen bis 19 Jahren 1255 Personen im Spital mit einer Covid-19 Diagnose. Aber Achtung: Diese Statistik geht nur bis 30. September 2021. Die aktuelle Entwicklung bildet sie nicht ab.

Der Pressesprecher der Gesundheit Österreich (GÖG), Christoph Ertl, merkt dazu auf Semiosis-Nachfrage an:

Dabei handelt es sich um eine retrospektive Analyse der Abrechnungsdaten der Spitäler, welche auf den (vorläufigen) Entlassungsdiagnosen der Fonds-finanzierten Krankenanstalten basieren und der GÖG mit etwa 6 Wochen Zeitverzug zur Verfügung gestellt werden.

CovidKids im Krankenhaus (Normal+Intensiv)

202101/21 - 05/2106/21 - 09/21202001/20 - 08/209/2020 - 12/2020
0-19 Jahre4962170-1981461
0 - 92821270 - 936207
10 - 19 2149010 - 19 45254
20 - 2957925920 - 29152570
verstorben 0-1943verstorben 0-1901


Die vierte Welle trifft Kinder und Jugendliche besonders

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder – und Jugendheilkunde (ÖGKJ) erstellt parallel dazu eine Auswertung, in der sie die Covid-19-Infektionen nach Haupt- und Nebendiagnose unterscheidet. Aus ihrer Darstellung der zeitlichen Abfolge lässt sich gut erkennen, wie die sich aufbauende vierte Welle schon im Spätsommer die Krankenhausaufenthalte von Kinder- und Jugendlichen nach oben treibt.

Quelle: Hospitalisierungen von Kindern und Jugendlichen in Österreich mit SARS-CoV-2 Infektion. Auswertung der anonymisierten Hospitalisierungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit Haupt- oder Nebendiagnose COVID-19. Christoph Zurl, Volker Strenger Univ.-Klinik für Kinder-und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz.

Die große Unbekannte in Österreich: das Hyperinflammationssyndrome

Die missliche Datenlage, die seit Beginn der Pandemie kritisert wird, zeigt sich besonders bei der Erfassung der Spätfolgen von Kindern und Jugendlichen. LongCovid wird nicht ordentlich registriert. Und zu den gefährlichen Entzündungskrankheiten PIMS und MIS-C (Hyperinflammationssyndrome) hält die Fachgesellschaft fest:

Bei 51 Patient*innen wurde ein Hyperinflammationssyndrom in Verbindung mit COVID-19 als Hauptdiagnose dokumentiert. Davon wurden 16 auf einer Intensivstation aufgenommen. Da die entsprechende Kodierung erst später im Verlauf der Pandemie eingeführt wurde, diese nicht spezifisch für PIMS und auch nicht verlässlich bei jedem Fall von SARS-CoV_2 assoziiertem Hyperinflammationssyndrom angewendet wird, sind die vorliegenden Zahlen nur eingeschränkt beurteilbar. Im Zeitverlauf zeigt sich, dass der Großteil der dokumentierten Fälle zeitversetzt zur „dritten“ Wellen auftrat. Dies würde der Pathogenese von PIMS entsprechen, welches in der Regel 3 bis 6 (oder mehr) Wochen nach der Infektion auftritt. Nach der 1. und 2. Welle fehlen diese Häufungen – wohl aus den o.g. Gründen.

Quelle: Hospitalisierungen von Kindern und Jugendlichen in Österreich mit SARS-CoV-2 Infektion. Auswertung der anonymisierten Hospitalisierungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit Haupt- oder Nebendiagnose COVID-19. Christoph Zurl, Volker Strenger Univ.-Klinik für Kinder-und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz.

Zeitversetzte schwere Erkrankungen sind nachweisbar

Jedenfalls ergibt sich eindeutig: Es sind zeitversetzte schwere Folge-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nachweisbar.

Häufigkeit von 1 zu 1000 bei bestätigten Infektionen

Das Nationale Impfgremium hält in seinen aktuellen Anwendungsempfehlungen (Stand 22. November 2021) fest:

Kinder und Jugendliche erkranken im Vergleich zu Erwachsenen zwar selten schwer an COVID-19, dennoch sind schwere Krankheitsverläufe wie ein Multisystem-Inflammationssyndrom (Hyperinflammationssyndrom) auch in Österreich mit einer Häufigkeit von 1:1000 Kindern und Jugendlichen mit bestätigter Infektion beschrieben worden, das jedenfalls zu einer Krankenhausaufnahme führt, oft sogar eine Behandlung auf der Intensivstation

Kinderintensivstationen in Linz und Graz fast voll

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen machen die tagesaktuellen Meldungen von heute durchaus Sinn.

Der Statistiker Erich Neuwirth fasst die alterspezifische Inzidenz nach Bundesländern zusammen. Sie liegt in Kärnten, Oberösterreich und Salzburg bei den fünf bis 14-Jährigen deutlich über 3000.

Die Konsequenz aus all dem lautet: Die Kinderintensivstationen laufen voll.

Die Berichte zum Download

One Reply to “Die vierte Welle trifft Kinder und Jugendliche besonders hart”

  1. Ohne die Ernsthaftigkeit der Situation relativieren zu wollen, gehört m.M.n. bzgl. der vollen Kinder-Intensivstationen (zumindest in Graz) angemerkt, dass dort RSV und nicht Covid dominiert.

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