Als einsame Linke beim Hofer

Norbert Hofer in Bludenz

Der FPÖ-Politiker Norbert Hofer auf Wahlkampftour in Vorarlberg. Er macht in Bludenz Station. Unsere Gastautorin Christine Lederer hat die Veranstaltung besucht. Aus Neugierde. Doch dann nimmt das Ganze ein unerwartetes Ende. “Als ich an der Luft bin, spüre ich, dass Hofer mich weiterhin benützt und geschickt einwebt in seine Rede. Norbert, der Attackierte, der Arme, der Versteher, der Verständnisvolle, der Ehrliche. Auch mich benützt er. Inhalte krieg ich keine mehr mit. Aber einen Titel hab ich mir heute ergattert: Die einsame Linke. Darauf bin ich mächtig stolz.”

Allein oder doch nicht allein?

Der Stadtsaal in Bludenz ist voll. Ein älterer Herr bietet mir einen Sitzplatz an. Ich lehne ab – mit der Begründung, dass ich hier am Rand stehend gehen kann, wenn es mir nicht gefällt. Mein Handy ist mein Anker. Ich halte es in der Hand und schreibe. Facebook suggeriert mir in diesem Moment, dass ich nicht alleine bin. Der ältere Herr lässt sich von meiner Anwesenheit etwas irritieren. Ich meine zu spüren, dass er leicht peinlich berührt ist.

Joachim Weixelbaumer begrüßt die Menge mit: Ich war schon oft auf Veranstaltungen hier in Bludenz. Aber so voll habe ich es noch nie erlebt. (Bäng! Alle jubeln.)
Er kündigt Norbert Hofer an. Fanfare erklingen. Ein kalter Schauer geht mir über den Rücken. Nationalstolz mittels Musik. Mein Atem wird schneller. Alle stehen auf und jubeln. Während Hofer durch die Mitte zur Bühne schreitet. Ich spüre die Energie der Masse. Sehe fussballähnliche Schals mit Parolen, die in die Lüfte gehalten werden. Und spüre mein Alleine-Sein noch deutlicher.

“Wir sind die Opfer”

Die ersten 45 min (und meine einzigen) redet Hofer über die Roten und die Schwarzen und die Neos… , dass es so ungerecht zu geht. Sein großes Thema: Wir sind die Opfer. Er ist eloquent und wirkt sympathisch. Er redet mit dem Volk, findet die passenden Worte und Geschichten. Er schimpft über die Politiker, sie sind schuld. Dann plaudert er über die Mindestsicherung. Das klassische Beispiel: wie viel Geld Flüchtlinge bekommen …, alle staunen erzürnt. Alle klatschen und jubeln. Das ist wirksame Propaganda.

Ich kriege Angst (und überlege mir, wie kann man so einen Menschen in so einer Veranstaltung stören, irritieren). Hofer redet wendig, bietet nahezu keine Angriffsfläche. Dann spielt er damit, dass die anderen ihn als bösen Freiheitlichen sehen. Er nährt sich von dieser Rolle, die ihm zugeschrieben wird. Er präsentiert sich als das (arme) Opfer. Und entwaffnet so seine Feinde. Ich bin bestürzt über sein Spiel mit der Macht.

Buuuhhhh!

Dann kommen die Ausländer. Und danach rühmt er sich damit, dass die Schwarzen sein Parteiprogramm kopieren. Darauf ist er stolz. Dann der Journalismus, der alles verdrehe …

Ich koche innerlich und bin schockiert. Das Publikum bestätigt seine Behauptungen und Anschuldigungen mit Jubel und Zuspruch. Mir wird eng im Hals. Mir kommen unweigerlich Gedanken an den Nationalsozialismus. Die Begeisterung der Massen. So eine Energie hab ich noch nie verspürt. Diese Kraft im Volk.
Bin zu wenig vorbereitet, um großen Protest zu üben. Kann nur aus dem Bauch heraus reagieren. Ich entscheide mich für ein BUUUUHHHHHH, dass ich rausrufe, während ich langsam zur Tür laufe.

Hofer reagiert: Ah, eine einsame Linke. Er bietet mir an, mich anzuhören. (Nein danke! Hofer wär ich rhetorisch haushoch unterlegen in einem Gespräch.) Der Saal lacht, als die Türe hinter mir zu fällt. Draußen in der Aula höre ich einen weiteren kollektiven Lacher. Sie machen sich über mich lustig. Der ganze Stadtsaal lacht über mich. Was für ein durchdringendes Gefühl. Was für eine Erniedrigung. (haut mich aber nicht um)

Hofer benützt meinen Abgang

Was für ein Machtspiel. Als ich an der Luft bin, spüre ich, dass Hofer mich weiterhin benützt und geschickt einwebt in seine Rede. Norbert, der Attackierte, der Arme, der Versteher, der Verständnisvolle, der Ehrliche. Auch mich benützt er. Inhalte krieg ich keine mehr mit. Aber einen Titel hab ich mir heute ergattert: Die einsame Linke. Darauf bin ich mächtig stolz.
Danke Norbert! Ich darf dich doch duzen, oder?


Christine Lederer (geboren 1976) lebt und arbeitet in Bludenz/Vorarlberg. Sie hat Kommunikations-Design in Augsburg und Bildende Kunst bei Prof. Olaf Metzel in München studiert, ist Inhaberin eines Büros für visuelle Kommunikation und als freischaffende Künstlerin tätig. Sie interessiert sich für die Menschen, ihre Gedankenwelten und Lebensmechanismen sowie für das Intervenieren in sprachlicher, künstlerischer und/oder aktionistischer Form.

www.studio-lederer.com
www.christinelederer.at

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