Mein Katalonien? Dein Katalonien?

Europa - Nach allen Sezessionen

In seinem Artikel auf Mosaik-Blog hat Marcel Andreu ein differenziertes Plädoyer für eine Solidarität mit der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vorgelegt. Diese Entgegnung versteht sich nicht unbedingt als Widerrede, sondern Komplement, das doch kritische Überlegungen beisteuern will, die ausgespart wurden. Ein Beitrag von Richard Schuberth. 


Der effektivste Komplize des katalanischen Separatismus ist die spanische Regierung selbst. Das mythische Narrativ vom Widerstand gegen das faschistische Franco-Regime, in dessen Tradition sich die Unabhängigkeitsbestrebungen setzen, wurde durch die brutalen Rollkommandos der Guardia Civil vorletztes Wochenende auf erschreckende Weise wiederbelebt. Auch die Aufhebung des Postgeheimnisses, die Verhaftung von Politikern und Konfiszierung von Wahlzetteln ließen Erinnerungen an eine überwunden geglaubte Zeit aufkommen. Wer bislang an der linksnationalistischen Lösung eines gesamtspanischen Problems zweifelte, kann dem demokratischen Willen, diesem Unrechtsstaat den Rücken zu kehren, nicht länger die Solidarität verweigern. Und wer die Regeln der Demokratie achtet, kann auch dem kraftvollen Votum einer Volonté générale – 90 Prozent für die Unabhängigkeit – nicht im Weg stehen. Vielleicht wird Mariano Rajoy neben Francisco Franco als zweiter Geburtshelfer der katalanischen Nation einmal in die Geschichte eingehen. Denn das Selbstbestimmungsrecht der Völker war im Bewusstsein der Katalanen bis vor gar nicht langer Zeit noch recht bescheiden ausgeprägt. Bei einer Meinungsumfrage im Jahr 2009 sprachen sich 16,1 Prozent für eine Unabhängigkeit aus. Bei einer symbolischen Volksabstimmung im selben Jahr stimmten auf einmal 95 Prozent dafür. Allerdings lag die Beteiligung bei 27 Prozent. Weitere Volksbefragungen zeitigten ähnliche Ergebnisse: Nur glühende Separatisten gaben ihr Votum ab, den Rest interessierte es nicht.

Arche Noah mit nur einer Art

Zugegeben, der eisernste Antinationalist kann dem katalanischen Nationalismus seinen Charme nicht absprechen, und ähnlich mag es ihm schon bei den Schotten gegangen sein. (Mir zum Beispiel – mein inneres Ringen mit deren civic nationalism dokumentiert ein Essay in der „Versorgerin.) Auch Marcel Andreu wirbt schon zu Beginn seines Artikels: „Der katalanische Nationalismus ist nicht hauptsächlich von Wohlstandschauvinismus getrieben, er ist auch kein völkisch-rassistisches Projekt.“ Und wirklich hat die Linke in der doch recht heterogenen Interessensallianz des Independentismo catalão ihre Agenden hegemonialisieren können. Auch die katalanische Bourgeoisie war immer schon liberaler als im restlichen Spanien. Antiausterität, Frauenrechte, Ausbau des Sozialstaats, eine humane Flüchtlingspolitik – sogar die Ächtung des Stierkampfes heften sich die Katalanen auf die Fahne, die dann bei genauerem Hinsehen doch nur rot-gelb ist. Und trotzdem scheint kulturelle Identität dort nicht als Ablenkung von Klassenwidersprüchen behauptet zu werden; und wie dem schottischen Modell fehlt dem katalanischen – im Vergleich zu fast allen anderen Nationalismen – die Fremdenfeindlichkeit. Wenn es konzeptuelle Feinde gibt, dann sind das jeweils die reaktionär-neoliberalen Machtpole Madrid und Westminster. Warum also nicht bei der Unreformierbarkeit solcher Zentren ein Stück unkorrumpierter Peripherie isolieren, als Flaschenpost, als Arche Noah, als provisorisches Versuchslaboratorium einer besseren Welt, von der aus die Reconquista des richtigen Lebens ausgehen, und Spanien, ja, Europa, vielleicht sogar die Welt erobert werden könnte.

Im Englischen gibt es eine schwer übersetzbaren Ausdruck dafür: stageism. Als Stadium der gesamtdemokratischen Transformation nutzt die Linke einen progressiv gewendeten Nationalismus als vorübergehende Aktionsbasis. Ein fataler Trugschluss, wie ich meine, und Marcel Andreu verleiht selbst den Risiken dieser Option Ausdruck. Ich werde versuchen, zu erklären, warum das ziemlich schiefgehen wird.

Von Karl Marx zu Karl May

Zunächst eine kleine Polemik. Die Solidarität mit dem katalanischen Sonderweg, wie sie Marcel Andreu einfordert, bekundet sich nicht, weil, sondern obwohl dieser dann doch – man kann es drehen und wenden, wie man will – auf ethnonationalem Fundament gepflastert ist. Dieser solidarische Strang der Linken ist über alle nationalen Faibles erhaben, denkt aber pragmatisch im Sinne einer Regenbogenallianz progressiver Kräfte, mit deren Hilfe sich das neoliberale Regime aushebeln ließe.
Aus langer Erfahrung kenne ich aber auch eine andere linke Spezies, die gegenüber völkischen Modellen weitaus weniger Berührungsängste hat. Sie wird getrieben vom romantischen Bedürfnis nach dem homogenen Kollektiv und, trotz vorgeblicher Sozialisation mit Karl Marx und Rosa Luxemburg, sitzen ihr Herder, Karl May und der Narodismus tief in den Knochen. Auf den Berührungflächen eines antikolonialen Befreiungsnationalismus und eines neuen Linkspopulismus gedeihen diese Linken besonders gut. Alles was Plebejer zu einem politisierten Kollektiv eint, und sei es nur die Lüge von der Nation, verschafft ihnen tiefe affektive Befriedigung. Sie geilen sich regelrecht auf am politischen Affekt, am kathartischen Akt der kollektiven Erhebung. Dort wo das Volk endlich zum Subjekt geworden ist, hat die Kritik des Völkischen zu schweigen, und wenn es wie in der linken Erbauungsliteratur der Teeniejahre wieder gegen König, Pfaffe und Pfeffersack geht, drückt man ein Auge zu, wenn Jude und Vernunft – ohnehin eine eurozentrische Verirrung – bedauerlicherweise mitgelyncht werden. Die rechte Codierung eines solchen Gemeinschaftsgefühls ist ihnen eine bedauerliche Verirrung, aber kaum haben ihre edlen Stämme auf den linken Kriegspfad zurückgefunden, ist am Ende doch alles gut geworden, und sie träumen sich selbst als Old Shatterhands in den Stammesrat, von wo aus sie der imperialen, meist als amerikanisch gedachten Einheitskultur Saures geben können. Antiimperialismus ist ihre Schutzbrille, die ihnen dabei hilft, nicht die tiefe Wesensverwandtschaft mit der ur-rechten Begeisterung für den rebellischen mannhaften Wüstenstamm zu erkennen, die immer zugleich Bekenntnis der Verachtung von Moderne und des effeminierten zivilisatorischen Babylon ist.

Malt mir den Nationalismus nicht rot an!

Gerne berufen sie sich auf Lenins Selbstbestimmungsrecht der Völker, sind sich aber des historisch bedingten Pragmatismus dieser Maßnahme nicht bewusst und überhören den Lenin vielleicht nur zugesprochenen, aber dennoch guten Imperativ: „Malt mir den Nationalismus nicht rot an!“ Das Volk als Nation ist und bleibt ein aus der romantischen Gegenaufklärung entkommenes und traurige Wirklichkeit gewordenes Konzept fettscheiteliger mittelständischer Gelehrter, das vom Kapitalismus dankbar aufgegriffen wurde, um nationale Märkte abzustecken und Klassenwidersprüche in fiktiven kulturellen Schicksalsgemeinschaften zu harmonisieren. Den Klassikern der sozialistischen Theorie war das von Anfang an bewusst, erst am Vorabend des Ersten Weltkriegs erfolgte die explizite ideologiekritische Entlarvung. Da Rosa Luxemburg schon oft in dieser Sache zitiert wurde, sei zur Abwechslung einmal der großen Anarchistin Emma Goldman das Wort erteilt:

Denkende Männer und Frauen auf der ganzen Welt beginnen zu verstehen, dass der Patriotismus eine zu enge und begrenzte Konzeption ist, um den Notwendigkeiten unseres Zeitalters zu begegnen. Die Zentralisation der Gewalt hat ein internationales Gefühl der Solidarität unter den Unterdrückten der Nationen dieser Welt entstehen lassen; eine Solidarität, die eine größere Interessenharmonie zwischen dem Arbeiter in Amerika und seinen Brüdern im Auslande aufweist als zwischen dem amerikanischen Bergarbeiter und seinem ausbeutenden Landsmann; eine Solidarität, die fremde Invasion nicht fürchtet, weil sie alle Arbeiter dahin bringen wird, zu ihren Herren zu sagen: Geht und vollbringt das Geschäft des Tötens selbst. Wir haben es lange genug für euch getan.

Linksliberaler Mittelstand und anarchistisches Proletariat

„Der katalanische Nationalismus“, ich wiederhole Marcel Andreus Worte, „ist nicht hauptsächlich von Wohlstandschauvinismus getrieben.“ Das „hauptsächlich“ verrät, dass er sich sehr wohl auch dieser Eigenschaft bewusst ist. Der Widerstand gegen die Zentralregierung wurde schon um 1900 im bereits damals reicheren und stärker industrialisierten Katalonien von einer lokalen Bourgeoisie getragen, die im Separatismus ein Mittel sah, Markt und Produktion von Madrid abzukoppeln (z. B. durch die Lliga Regionalista de Catalunya). Bevor der Diktator Primo di Rivera in den frühen 1920er-Jahren die katalanische Autonomie unterdrückte, ging er brutal gegen die anarchistische und kommunistische Arbeiterbewegung vor, und konnte sich zunächst der Unterstützung des lokalen Bürgertums und sogar der Sozialdemokratie erfreuen. „Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung“, schreibt Andreu weiter, „war 1931 eine der stärksten Impulsgeberinnen für die Gründung der spanischen Republik.“ Die hier angesprochene katalanische Unabhängigkeitsbewegung bezieht sich auf die linksliberale Partei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC), die 1931 unter ihrem Vorsitzenden Francesc Macià i Llussà eine unabhängige katalanische Republik ausrief. Ob sie sich aber als „Impulsgeberin für eine spanische Republik“ sah, ist zu bezweifeln, galt ihr Interesse doch der Loslösung von dieser.

In der Tat war es damals schon ein Charakteristikum des katalanischen Nationalismus, dass er sich mehrheitlich liberal bis sozialistisch gebärdete und ihm das zeittypische völkisch-faschistische Gepräge abging, welches dem spanischen Zentralismus eignete. Dennoch sollte nicht unterschlagen werden, dass eben jene linken Bewegungen, von deren Erfolgen und Niederlagen im Spanischen Bürgerkrieg heute noch das Image der Region nostalgisch zehrt, die Anarchisten der CNT/FAI (Confederación Nacional del Trabajo/Federación Anarquista Ibérica) sowie die kommunistische POUM und ihre gelungene soziale Revolution von unten in der ERC erbitterte Widersacher fanden und sie, obwohl zu beträchtlichem Teil stolze Katalanen, schon aufgrund ihrer internationalistischen Ideologie dem Gedankengut der Separatisten fernstanden. Vielmehr versuchten sie ihr Modell auf ganz Spanien zu übertragen. Die 20er und 30er Jahre waren eine Zeit erbitterter Klassenkämpfe, aber auch der Konflikte innerhalb der konkurrierenden Linken, und Eric J. Hobsbawm resümiert, dass „das Klassenbewusstsein der militanten und überwiegend anarchistischen Arbeiterklasse aus Katalanen und Einwanderern dem Nationalismus skeptisch“ gegenüberstand.

La La La

Marcel Andreu schreibt: „Franco verbot die katalanischen Institutionen und die Sprache.“ Das stimmt nur bedingt. Ohne die politische und kulturelle Unterdrückung kleinreden zu wollen, lockerte das Regime, dem in erster Linie an der Vernichtung der separatistischen und aller linken Tendenzen lag, die Verbote ab den 50er Jahren. War diese Gefahr einmal gebannt, ließ man auf kultureller Ebene und in Schüben die Förderung des Català zu, das als Amts- und Unterrichtssprache weiter untersagt blieb. In den 60er Jahren erfreute sich das katalanische Chanson (Nova Cançó) großer Beliebtheit. Der Sänger Manuel Serrat war 1968 für den Eurovision Song Contest vorgesehen. Da er sein Lied „La La La“ aber auf Katalanisch singen wollte, wurde er gegen die Sängerin Massiel ausgetauscht, die mit der spanischen Version von „La La La“ den Contest gewann. Allerdings waren zu dieser Zeit die meisten europäischen Staaten repressiv gegenüber minoritären Sprachen, und unvorstellbar, dass sich Großbritannien mit einem walisischen, Schweden mit einem samischen oder Griechenland mit einem mazedonischen Lied beworben hätten. Der berühmte Schriftsteller Joseph Pla veröffentlichte auf Katalanisch, und katalanisch schreibende Dichter erhielten Preise von den kulturellen Institutionen des Staates.
Nach Francos Tod eroberten sich katalanische Kultur und Sprache ziemlich bald ihre alte Stärke zurück. Und spätestens seit der Neufassung des Autonomiestatuts durch die damals sozialdemokratische Regierung im Jahr 2006 verfügt Katalonien über eines der großzügigsten Autonomieregelungen Europas, von der andere nationale Minderheiten nur träumen können. Aber die Einpeitscher der Independència catalana empfinden sich eben nicht als nationale Minderheit, sondern als Nation. Seither von einem kulturellen Genozid an den Katalanen zu sprechen, ist ein Witz, über den Mazedonier in Griechenland und Kurden in der Türkei nur oder aber gar nicht lachen können.

Das übliche Ablenkungsspiel

Der separatistische Ehrgeiz indes schlief in dieser Erfolgsregion ein, bis ihn die Krise weckte, welche Spanien besonders stark traf. Marcel Andreu bekundet selbst die ideologischen Geburtswehen des neuesten Separatismus:

Ein weiterer Faktor ist die liberal-konservative langjährige de-facto-Staatspartei PDeCAT (früher unter dem Namen CiU in ihrer Bedeutung für Katalonien vergleichbar mit der CSU in Bayern, wenngleich deutlich liberaler). Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, als sie wieder die katalanische Regierung stellte, geriet die Partei unter enormen Druck. Um von Korruptionsskandalen und drastischen Kürzungsmaßnahmen abzulenken, entdeckte sie das Anliegen der Unabhängigkeit wieder für sich. Nach dem Motto: Wenn die spanische Regierung uns nicht so viel Geld nehmen würde, dann müssten wir nicht so stark kürzen.
Deshalb stand die spanienweite, föderale Linke dem Wiederaufflammen der Unabhängigkeitsbewegung sehr skeptisch gegenüber. Vieles deutete darauf hin, dass es sich um ein Ablenkungs- und Erholungsmanöver einer Eliten-Partei handelte, die zuvor jahrzehntelang in Harmonie mit dem spanischen Staat gelebt hatte.

Die Spannungen eskalierten erst, als Madrid, selbst im Teufelskreis der von Brüssel und Berlin oktroyierten Austeritätsforderungen, begann, im Rahmen eines Rezentralisierungsprogramms die Gelder für Barcelona zu kürzen. Marcel Andreu bezieht sich mehrmals auf einen Artikel des Soziologen Josep Maria Antentas aus dem Jacobine Magazine, in dem dieser auch schreibt:

In 2012, the Catalan National Assembly (ANC) organized a democratic movement exclusively around the call for independence. The ANC quickly grew into a mass organization with branches all over Catalonia, becoming the undisputed leading organization of the movement. As a result of its singular focus on independence, the ANC has neither critiqued austerity policies nor proposed economic change. Instead, the mainstream independence movement centers itself around shared identity — ,We Catalans must unite because we have common interests’ — and the desire to have a state of its own — ,Without a state nothing can be done.’

In den Öffentlichen Dienst nur mit katalanischer DNA

Die ursprünglich neoliberale Ausrichtung der Independència-Bewegung konnte in den folgenden Jahren von den Linksparteien ERC und CUP (Candidatura d’Unitat Popular) erfolgreich überlagert werden, was nichts daran ändert, dass der Separatismus bei aller fortschrittlichen Programmatik eine Sache des katalanischen Mittelstandes darstellt und die prekarisierten Schichten und die Arbeiterschaft ihm – wie Atentes in seinem Artikel betont – zunächst weitgehend fernblieben. Was wunder, handelt es sich dabei doch in beträchtlichem Ausmaß um Immigranten und südspanische „Gastarbeiter“. Und hier zeigt sich die Krux der rot angemalten Identitätspolitik. Denn auch die linken Protagonisten der Bewegung beziehen sich letzten Endes auf ein kulturalistisches Verständnis von Nation, und diesem eignet immer, so fortschrittlich es sich auch geben will, ein kulturell fundiertes Ausschließungspotenzial. Das als Antizentralismus artikulierte Ziel ist unter anderem die Durchsetzung der Einsprachigkeit. Der bis zum Jahr 2006 amtierende sozialistische Regierungschef Kataloniens, Pasqual Maragall, bezeichnete das Català als die »DNA der Katalanen«. In den meisten Schulen und Universitäten wird nur mehr in dieser Sprache unterrichtet, und nur Katalanischsprecher bekommen Jobs im Öffentlichen Dienst. Seit 1978 hat sich die Situation umgekehrt, und Sprecher des Castellano erleben eine strukturelle Diskriminierung. Der schon vor der Franco-Diktatur vorherrschende bilinguale Charakter der Region droht der Homogenisierung zum Opfer zu fallen. Hinter dem zivil-liberalen Schein eines bloß politischen Verfassungspatriotismus blitzt immer ein handfestes ethnonationales Fundament durch.

Weg frei für ein Groß-Katalonien?

Natürlich bliebe es nicht bei der Neugründung eines katalanischen Staates auf dem Territorium der autonomen Region. Sprache als kulturelles Leitmerkmal des modernen Nationalismus erfordert die Integration aller gleichsprachigen Regionen, in diesem Fall der Països Catalans: des französischen Départements Pyrénées Orientales, Valencias, Teile Aragoniens und Murcias, Andorras, der Balearen und vielleicht sogar der Stadt Alghero an der sardischen Westküste, in der sich ein katalanischer Dialekt hielt. Die Vereinigung all dieser Regionen zu einem unabhängigen Großkatalonien ist aber nicht etwa Forderung der Rechtsparteien, sondern der linken Parteien ERC und CUP.

Spanien keine echte Nation?

Ethnologischer Exkurs. Postmodern geläuterte Intellektuelle schmunzeln, wenn man sie auf den Konstruktionscharakter der ethnischen Nation hinweist, denn das sei doch ohnehin klar, schließlich gebe es doch nichts, was nicht „diskursiv konstruiert“ sei, und wittern einen Rückfall in Kategorien der historischen Wahrheit. In der Regel ist auch ihr Bewusstsein aber dermaßen geprägt von der Faktizität von Volk und Nation, dass sie sich selten des wahren Ausmaßes dieser Konstruktionen bewusst sind. Deshalb lohnt sich, die Genese des nationalen Narrativs in jedem einzelnen Fall zu prüfen. Die retrospektiven Erzählungen der Nationswerdung gleichen einander in Europa jedenfalls wie ein Ei dem anderen. Der Anthropologe und Schriftsteller Albert Sánchez Piñol behauptete kürzlich in der Süddeutschen Zeitung:

Katalonien ist nicht einfach eine spanische Region. Das war es nie. Es hatte schon im zehnten Jahrhundert eigene Landesfürsten und Institutionen. Was wir heute als Spanien kennen, war bis ins 18. Jahrhundert nur ein Zusammenschluss verschiedener Nationen, deren einzige Gemeinsamkeit der König und die Religion waren.

Wo auch immer Sanchez seinen akademischen Titel in Anthropologie erworben hat, er reproduziert das nationalistische Märchen von den echten und den unechten Nationen. Die feudalen Fürstentümer auf der iberischen Halbinsel, die wie sonst wo auf Leibeigenschaft und gewaltsamer Aneignung der landwirtschaftlichen Produktion beruhten, als Nationen zu bezeichnen, ist natürlich ein Anachronismus, der zur üblichen ideologischen Genealogie jedweder Nation gehört. Die frühe Neuzeit sieht eine zunehmende Zentralisierung der Königsmacht und eine Entmachtung der durch Lehenseid an diese gebundenen Fürstentümer. Eine kulturelle Verbundenheit der Untertanen mit den Fürsten und feudalen Landbesitzern, deren Territorien durch Expansion und Heirat ab- und zunehmen wie der Mond, ist schlichtweg grotesk. Dialekte gehen allmählich ineinander über, so wie das Okzitanische ins Katalanische und dieses ins Kastilische, und ihre substantialistische Aufladung funktioniert nur, weil sie – wie das Catalá – in manchen Herrschaftszentren in den Rang von Schrift- und Literatursprachen gelangten. Der breiten Bevölkerung ist zu dieser Zeit die Vorstellung eines gemeinsamen kulturell definierten Volkstums so fremd wie das Pizzaservice oder Tinder.

Katalanische Einmaligkeit & geschichtlicher Müll

Sanchez aber sieht sich als Gewinner der Geschichte:

Die Generäle, die 1936 den Bürgerkrieg begannen, führten dafür drei Gründe an: die katholische Kirche verteidigen, den Kommunismus und den Separatismus bekämpfen. Der Kommunismus liegt auf dem Müllhaufen der Geschichte, die Kirche hat ihre einstige Macht verloren. Die katalanische Einmaligkeit aber bleibt trotz aller Angriffe und Repressionen bestehen.

Und das soll das Resümee von hunderten Jahren emanzipatorischer Kämpfe sein: der Kommunismus auf dem Müll, dafür das Frohlocken katalanischer, okzitanischer, piemontesischer, montenegrinischer, flämischer und walisischer Einmaligkeit? Und wir sollten wachsam sein, ob die linke Rhetorik der Einmaligen nicht bloß ein Sich-Schmücken mit bereits entsorgten Requisiten ist, die nach erreichtem Ziel wieder dorthin geworfen werden, wohin sie Sanchez zufolge gehören.

Eliten-Separatismus als gefährliches Vorbild

Niemand stellt die Bewahrung und den Schutz existierender Sprachen und kultureller Identitäten in Abrede. Darauf aber die Konstitution von Staaten zu gründen, ist eine andere Sache.
Das Argument des Präzedenzfalls bleibt ungebrochen gültig. So flüchtlingsfreundlich, sozialdemokratisch und stierliebend sich die Anwärter auf Eigenstaatlichkeit auch geben mögen, sie sind potenzielle Auslöser von Kettenreaktionen. Warum die, wenn nicht wir? Warum nicht wieder das Baskenland, dessen Terroristen von den Linken so geliebt wurden, weil auch sie ihr völkisches Fundament ursprünglich gegen Faschisten verteidigten, oder eine Republik Gascogne mit senegalstämmigem Staatschef und lesbischer Heimatministerin. Die Lust auf ein unabhängiges „keltisches“ Galicien war den Galiciern allerdings bis auf weiteres vergangen, als deren Terroristen Anfang der 80er sich vor einem Bombenattentat in einer Disco die Angst abtanzen wollten und die Bomben dummerweise neben den Lautsprecherboxen ablegten. Die Explosion riss keine Guardia-Civil-Schergen, sondern lauter junge „Kelten“ in den Tod.

Die gemeinsame Opposition gegen das Franco-Regime hat soziale wie nationale Anliegen, Klassen- und Kulturkampf in Katalonien bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen. Dass sich die Regierung Rajoy nun wie durchgeknallte Wiedergänger ihrer faschistischen Vorgänger gebärdet, bestärkt diese Allianz aufs Neue und täuscht darüber hinweg, dass es sich bei ihr sehr wohl um einen Wohlstandsnationalismus handelt. Wie würden sich wohl die Separatisten bei einer Madrider Podemos-Regierung vom Verdacht freiwaschen, den wirtschaftsschwächeren Süden nicht durchfüttern zu wollen? Die autoritären Anwandlungen der Regierung Rajoy sind auch Ausdruck der Panik. Der Wegfall Kataloniens würde die spanische Wirtschaft irreparabel schädigen. Unvorstellbar aber, dass der Wegfall des spanischen Absatzmarktes der katalanischen Wirtschaft nicht schaden würde. Und die liberale Flüchtlingspolitik Barcelonas hat nicht nur einen altruistischen Drall. Die Neoliberalen bevorzugen billige flexible Arbeitskräfte und die Ethnonationalisten nehmen ein Interesse daran, diese gegen die alteingesessenen spanischen Zuwanderer auszuspielen und Willkommenskultur auf perfide Weise mit antispanischem Rassismus zu verknüpfen. Ein freies Katalonien ist schlichtweg kein sozialistisches Gegenmodell zum neoliberalen Empire, sondern in allen seinen politischen und ökonomischen Aspekten dessen Ausdruck, auch wenn es sich an manchen Stellen rot, an anderen mit den Farben des Regenbogens anmalt.

Viva la República libre de Marinaleda!

Gibt es einen neoliberalen Wohlstandschauvinismus, dann auch einen progressiven Chauvinismus. Höchst unsolidarisch ist die Abkapselung eines gesellschaftlich und sozialpolitisch bessergestellten Kantons von seiner Umgebung. Kein Wunder, dass die charismatische Bürgermeisterin Ada Colau von der zurzeit vielleicht interessantesten politischen Kraft der Region, Barcelona en Comù, nicht zum Referendum aufrief, wenngleich sie sich mit den bedrängten Bürgern ihrer Region solidarisch zeigt.

Wenn es im Königreich Spanien einen Flecken gibt, der das Anrecht darauf besäße, ein „gallisches Dorf“ zu sein, dann ist das nicht Katalonien, sondern die andalusische Gemeinde Marinaleda. Ihr steht seit 1979 nicht nur ein kommunistischer Bürgermeister, Juan Manuel Sánchez Cordillo, vor, sie ist kommunistisch – im elementarsten Sinn des Wortes. Zwar ist der Privatbesitz dort nicht abgeschafft, aber die Produktionsmittel werden kollektiv verwaltet. Bloß ist das Volk von Marinaleda noch nicht auf die Idee gekommen, die Unabhängigkeit von Madrid zu erklären. Wenn es der Linken in und außerhalb Kataloniens bloß darum ginge, ein fortschrittliches Gegenmodell aus dem Regime Rajoy freizuhauen, dann müsste sie zunächst eigentlich eine Republik Marinaleda erkämpfen.

Und wenn der katalanische Volksgeist wirklich so links ist, wie er tut, dann würde er sich mit dem wahrlich großzügigen Autonomiestatus bescheiden, und im Andenken der katalanischen Anarchisten und Kommunisten alles daran setzen, in vereinter Anstrengung mit seinen „restspanischen“ Genossinnen und Genossen das spanische System zu verändern. Für Hobsbawm stellt die Forderung nach Unabhängigkeit für „Nationalisten, die sich als Marxisten verkleiden, eine beträchtliche intellektuelle Hürde“ dar. Mehr noch ist sie eine Sackgasse. Auf dieser Arche Noah der politischen Wellness befinden sich nämlich nur Pärchen einer einzigen Spezies – Katalanen.
Die Annahme, dass die staatliche Abkoppelung einer fortschrittlichen Region eine föderale Etappe auf dem Weg zu gesamtgesellschaftlicher Emanzipation darstelle, kann nach Abwägen aller Argumente nur eines sein – blanker Unfug. Ein gefährlicher zudem. „Schon interessant“, schrieb der österreichische Publizist Bernhard Torsch vor wenigen Tagen, „wie viele meiner linken Facebookfreunde einem neuen Bürgerkrieg in Spanien geradezu entgegenfiebern. Es ist doch immer wieder so: Fremde Häute trägt man gerne zu Markte und am Schreibtisch ist jeder ein Held.“
Doch wir haben genug Fotos von Kai-Dieter und Desiré vor der Gaudí-Kathedrale und vor Che-Postern in katalanischen Cafés gesehen. Lasst euren Posts und Tweets doch endlich Taten folgen! Wäre es zur dramaturgischen Vollendung der Farce nicht angemessen, wenn all die Mousepad-Revoluzzer und neulinken Barcelona-Touristen sich zu Internationalen Brigaden zusammenschlössen und im Tal dort am Rio Jarama ihr Blut vergössen, für ihren Traum, ihre Vision, ihr radikales Shangri-La, das da besteht im Honeymoon von Unternehmern und politisierten Kaffeehausbesuchern unter rot-gelber Decke.

Und als letztes Argument: Selbst wenn dieser hanebüchenen linken Strategie, schnuckelige zivile Nationalismen von bösen rechten zu scheiden, die Sanktionsmacht der UN zur Verfügung stünde, wer und was legitimierte sie dazu, guten Nationalismen eigene Staaten zu schenken und bösen zu verweigern? Wisst ihr überhaupt, was Staaten sind? Eine Linke, die Geburtshelfer bürgerlicher Staaten spielt anstatt sie ideologiekritisch zu delegitimieren und zu bekämpfen, hat endgültig den Kopf verloren und sich die Einladung an die Lagerfeuer der Stammesgemeinschaften redlich verdient.

Ich weiß, das Brecht-Zitat ist abgelutscht. Doch solange sich die Verhältnisse wiederholen, bleibt uns nichts, als es uns wieder und wieder ins Gedächtnis zurückzurufen:

Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt (…), unterstützt schon viele Lügen nicht.

Epilog

Bei aller Sympathie für die Katalanen und ihre zukunftsweisende Teddybärgesellschaft, auf die sich dort Kapital und Arbeit, Inländer und nichtspanische Ausländer, Mensch und Stier angeblich geeinigt haben – ich persönlich will keine Linken, die in den Straßen Barcelonas singen:

Ein triumphierendes Katalonien
wird wieder reich und auf seinem Höhepunkt sein!
Es wird diese Leute hinter sich lassen,
so protzig und so hochmütig.
Ein guter Schlag mit der Sichel, ein guter Schlag mit der Sichel,
Verteidiger des Landes, ein guter Schlag mit der Sichel!
Es ist an der Zeit, Ihr Schnitter!
Es ist an der Zeit, wachsam zu sein!
wenn der nächste Juni kommt,
schleifen wir die Werkzeuge gut!
Der Feind soll zittern,
wenn er unsere Fahne sieht.
genauso wie wir die goldenen Ähren fallen lassen,
zersägen wir, wenn es an der Zeit ist, Ketten.

Ich würde Linke vorziehen, die folgende Zeilen singen und deklamieren. Sie stammen vom Kommandanten Buenaventura Durruti (1896-1936):

Wir sind es, die all diese Paläste und Städte gebaut haben,
in Spanien, in Amerika und überall auf der Welt.
Wir, die Arbeiter, können neue an ihre Stelle setzen.
Neue und bessere.
Wir fürchten die Trümmer nicht. Die Erde wird unser Erbe sein,
daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.
Soll die Bourgeoisie ihre Welt in Stücke sprengen,
bevor sie von der Bühne der Geschichte abtritt.
Wir tragen eine neue Welt in uns,
und diese Welt wächst mit jedem Augenblick heran.
Sie wächst, während ich mit Ihnen rede.


Richard Schuberth Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind

 Richard Schuberth, 1968 geb. in Ybbs an der Donau, ist     freier Autor. Seine Essaysammlung „Unruhe vor dem   Sturm” ist vor kurzem im Drava Verlag erschienen (am 20.    Oktober wird er daraus um 19.30 Uhr in der Arena Bar   lesen – Margaretenstraße 117).  Tipp zum Thema: Vor über   20 Jahren hat Richard Schuberth ein Standardwerk zu   Nation, Ethnizität und deren Konstruktionen verfasst:   Richard Schuberth: Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind. Eine (antiessenzialistische) Einführung (Promedia Verlag).

2 Kommentare

  1. – ich glaube, dass mit der unabhaengigkeitserklaerung in den 30iger jahren war der nachfolger von macia, lluis companys
    – die partei heisst heute wie dazumal nicht “esc” oder “ecr” sondern “erc” – esquerra republicana de catalunya

    ansonsten uneingeschraenkte zustimmung.
    bei meinen naechtelangen diskussionen mit dortigen separatisten blieben am schluss immer zwei positionen auf deren seite: identitaerer nationalismus und oekonomischer egoismus.
    der text von “els segadors” ist fuerwahr eine graussliche sache und durruti wuerde wahrscheinlich in seinem grab am montjuic rotieren, wenn er die vermeintlich linke in den strassen kataloniens marschieren saehe.

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