Verrat an d e n Kurden?

Der Überfall der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien durch die Türkei wird, abgesehen von der protürkischen Berichterstattung des ORF, auch durch ein ethnisch verzerrtes Bild seitens anderer Medien flankiert. Unser Autor, Richard Schuberth, hat diesen Text übrigens am Vorabend der Invasion verfasst.


Nach den Verlusten der AKP bei den Kommunalwahlen in der Türkei und dem Wiedererstarken der Opposition bedurfte das Regime Erdoğan mit einiger Vorhersehbarkeit eines außen- wie innenpolitischen Konflikts, um das Land auf Frontlinie zu bringen. Und was wunder, außer der HDP stehen alle Parteien, die „sozialdemokratische“ CHP, die faschistische MHP und die rechtskonservative İYİ geschlossen hinter den bevorstehenden ethnischen Säuberungen, die sich als Terrorbekämpfung tarnen und den zynischen Namen „Quelle des Friedens“ führen. Die Invasion in Nordsyrien mit den zu erwartenden Massakern und Vertreibungen wird auch ein Aufflammen des kurdischen Widerstandes in Ostanatolien provozieren, und das gewünschte Bild eines ethnisch markierten Feindes, den die Regierung immer dann braucht, wenn zivilgesellschaftliche Querfronten die nationalistische Polarität zu unterlaufen drohen.

Romantiker und Besserwisser

Einen ungewollten Komplizen erhält er in westlichen Medien und folglich in uns, die wir unentwegt vom Freiheitskampf d e r Kurden faseln. Nicht unwahr und dennoch nicht wahr ist das. Zwar stellen kurdischsprachige Menschen die Mehrheit der Bevölkerung in der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien (kurz: Rojava) dar und waren Kurden und ihre Milizen maßgeblich am Aufbau der zivilen Strukturen beteiligt, doch suggeriert die alleinige Nennung der Mehrheit kulturelle Homogenität, und sobald von Minderheiten die Rede ist, den Verdacht kultureller Homogenisierung. Unter den Tisch fällt dabei die beträchtliche Zahl an Arabern, Assyrern/Chaldäern/Aramäern, Armeniern, Tscherkessen, Turkmenen und kurdophonen Jeziden, deren Diskriminierung per Verfassung der Föderation strikt untersagt ist, die auch in in das Armeebündnis SDF integriert sind und zu einem beträchtlichen Teil tatkräftig am demokratischen und feministischen Umbau der lokalen Gesellschaft mitwirken.
Erschwerend für eine realistische Einschätzung dieser Transformation ist der Umstand, dass sich mittlerweile Bescheid- wie Besserwissen allein dadurch lukrieren lassen, jede positive Bezugnahme zu Rojava als antiimperialistische Ethnoromantik abzutun. Und eine oft harmlos-naive Rojavaschwärmerei macht es den Bescheid- und Besserwissern in der Tat einfach, ihre Zweifel anzumelden und sich durch vermeintliche Ausgewogenheit zu distinguieren. Doch existieren genug Berichte von aktiven Menschen vor Ort, Einwohnern wie internationalen Beobachtern und NGO-Aktivisten, die ein unvoreingenommenes Bild einer selbstverwalteten, kollektivistischen säkularen Gesellschaft unter extrem schwierigen Bedingungen zeichnen, in welchem Konflikte nicht ausbleiben, besonders in arabischen Gebieten, wo salafistische Vorlieben noch immer stark sind, oder bei manchen Christen, die nach wie vor eine starke Bindung zum Baath-Regime in Damaskus verspüren, und wobei es dennoch verwundert, welch zivilisatorischer Wildwuchs auf den Schutthaufen des Assad-Regimes und des IS Blüten treibt. Der Vorwurf der ethnischen Säuberungen in Rojava konnte von einschlägigen UN-Berichten widerlegt werden.
Unter den extremen Bedingungen und in Anbetracht der kurzen Zeit ihrer Umsetzung dürfte man den gesellschaftlichen und politischen Fortschritten auch nicht den Respekt verweigern, wenn nur ein Bruchteil davon stimmen würde. Und obwohl der Name PKK und das allgegenwärtige Gesicht Abdullah Öcalans viele befremden mag, wäre die gut dokumentierte Praxis einer sozialistisch, multikulturell, feministisch und ökologisch inspirierten Selbstverwaltung ohne den Anstoß von PKK-Aktivist_innen und des von Öcalan für die Region adaptierten Konzeptes eines Demokratischen Konföderalismus nicht denkbar.

Wie uns die Kurden lehren, unsere Völkerkunde zu überwinden

Die linke Kurdenromantik, die auch von vielen befreiungsnationalistischen Kurden in Europa geschürt wird, fährt durch ihre Fixierung auf ein homogenes, unterdrücktes Volk der  erfolgreichen Praxis Rojavas in die Parade, welche die kulturelle Identität der sozialen Emanzipation unterordnet. Während sich solidarische Menschen vor Verzweiflung die Haare zerraufen, weil d i e Kurden noch immer kein eigenes Land haben, als wäre dieses zutiefst völkische Konzept, demzufolge jeder Sprachgruppe ein Staat zustünde, ein politisches Naturgesetz, sagt diese neue Welle der kurdischen Emanzipation: Nein! Der Umstand, dass sich kurdischsprachige Menschen großteils noch in einer pränationalen Phase befinden, ist ihr größter Gewinn. Das ermöglicht ihnen, die Sackgasse zu umgehen, eine der dümmsten und blutigsten Ideologien, die der Westen in die Welt exportiert hat, die Nation als imaginierte Abstammungsgemeinschaft, gleich zu überspringen und der Welt zu zeigen, dass es anders geht, anders gehen muss.

Man mag den Kult um Abdullah Öcalan abstoßend oder lächerlich finden, inwiefern das in Deutschland und Österreich verhängte Verbot des Porträts eines Menschen bei Demos gerechtfertigt ist, der folgendes postuliert, mag jeder für sich selbst entscheiden:

Demokratischer Konföderalismus ist offen gegenüber anderen politischen Gruppen und Fraktionen. Er ist flexibel, multikulturell, antimonopolistisch und konsensorientiert. Ökologie und Feminismus sind zentrale Pfeiler. Im Rahmen dieser Art von Selbstverwaltung wird ein alternatives Wirtschaftssystem erforderlich, das die Ressourcen der Gesellschaft vermehrt, anstatt sie auszubeuten, und so den mannigfaltigen Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht wird. (…) Der Demokratische Konföderalismus in Kurdistan ist gleichzeitig eine anti-nationalistische Bewegung. Sie beabsichtigt die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch die Ausweitung der Demokratie in allen Teilen Kurdistans, ohne die bestehenden politischen Grenzen infrage zu stellen. Ihr Ziel ist nicht die Gründung eines kurdischen Nationalstaates.

Das Konzept mag etwas paternalistisch, um nicht zu sagen maternalistisch anmuten. Hier erlebte ein eigentümlicher Progressivelitarismus, ein romantisches Übermenschen-Modell seine Jungfernfahrt, das aber dermaßen charmant ist, dass man es sich schon allein aus Mangel an Alternativen gefallen lassen sollte. Die bislang vorherrschende Überschneidung von ethnischer und politischer Identität ist einer gesamtgesellschaftlichen Mission gewichen, in welcher Kurdishness sich recht bescheiden als Verantwortung inszeniert, qua moralischer Überlegenheit die Welt zu retten. Nationalstaatliche Grenzen bleiben als Zäune eines historischen Auslaufmodells unangetastet, doch überall wo Kurden leben und wo kurdische Sprachen gesprochen werden, gilt für alle gesellschaftlichen Gruppen die Einladung, an einem Modell aus sozialistischer Selbstverwaltung, Feminismus, kultureller Pluralität und Ökologie teilzuhaben. Der Kurde und vor allem die Kurdin figurieren als zivilisatorische Supervisoren, die aus den Bergen runterstiegen, um Archaik wie Moderne von ihren patriarchalen, konfessionellen und neoliberalen Fesseln zu befreien. Das klingt nach Engels-Mythen. Doch allemal besser, an Engel als an Gott zu glauben.

Erdoğan – Ziehvater von IS & Co.

Es sind also streng genommen nicht die Kurden, deren autonomes Gebiet überfallen wird, sondern die Bürger und Bürgerinnen Rojavas. Besonders die christlichen Minderheiten werden unter einer islamistischen Besatzung des Schutzes verlustig gehen, den sie in der Demokratischen Föderation genossen haben, und die Armenier, deren in Nordsyrien lebende Vorfahren vor hundert Jahren dem Genozid entgangen sind, werden die salafistischen Hilfstruppen Erdogans auch nicht als Befreier vom PKK-Terrorismus empfinden.
Denn – ein beliebter Euphemismus – die Türkei verfolgt nicht etwa lieber Kurden als den Islamismus, sie ist der Islamismus, logistischer und finanzieller Ziehvater aller islamistischen Bewegungen der Region, Hamas, Muslimbrüder, Ahrar al-Scham, al-Nusra-Front, IS … Wegen der Aufdeckung von Waffenlieferungen an syrische Dschihadisten wurde der heute im Berliner Exil lebende Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet Can Dündar drei Monate eingekerkert. IS-Kämpfer wurden in der Türkei mit Geld und Waffen versehen und in staatlichen Spitälern kostenlos behandelt. Bei der ersten Offensive des türkischen Militärs in Syrien Sommer 2016, das sich mit dem IS einige symbolische Scharmützel lieferte, um dann gegen Rojava vorzugehen, schlüpften Dschihadisten in türkische Uniformen. Stadt und Kanton Afrin, bis Jänner 2018 basisdemokratisch verwaltet und seit je her ein harmonischer Hort der Religionen und Ethnien, wurde von der türkischen Armee deren verbündeten islamistischen Räuberbanden zum Fraß vorgeworfen. 30.000 Menschen mussten fliehen, tausende wurden verschleppt, vergewaltigt, massakriert. Die Stadt trägt ein arabisches Antlitz, das sie zuvor nie hatte, und es ist ein bärtiges. Die Neuansiedler haben sich die lokale Olivenproduktion angeeignet, deren Produkte übrigens auch in deutschen Regalen stehen. Nicht umsonst nannte das türkische Militär seinen Überfall „Operation Olivenzweig“.

Warum die Politik wegblickt und die Medien lügen

Wenn Erdoğan ankündigt, in Nordsyrien eine neue Heimat für die syrischen Flüchtlinge zu schaffen, bedeutet das nicht etwa die Abschiebung seiner Verantwortung für die eigene aggressive Syrienpolitik, es bedeutet einen planvollen Geno- und Ethnozid, die Arabisierung Rojavas, und nicht irgendwelche arabischen Flüchtlinge sollen dort eine neue Heimat finden, sondern auf den fliegenumsummten Leichenhaufen eines allzu sehr gelungenen säkularen, demokratischen und paraethnischen Experiments wird die Sharia walten.
Verzweifelt hatte Rojavas Lokalverwaltung die internationale Gemeinschaft dazu aufgerufen, ihr bei der Administration der vielen IS-Gefangenen zur Hand zu gehen. Diese Aufgabe wird nun deren Verbündeter Erdoğan übernehmen. Indem er sie befreit. Allein die über 70.000 Insassen des Gefangenenlagers al-Hol, größtenteils Frauen des IS, aber auch ihre fanatisierten, heranwachsenden Söhne, werden nicht abwarten können, sich dafür zu rächen, dass „die Kurden“ ihnen jene Gnade gewährten, die sie ihnen niemals gewährt hätten.
Außer den automatisierten diplomatischen Bulletins und Protestnoten, überrülpst von Trumps leeren Drohungen, wird der Westen nichts unternehmen, so wie er bislang nichts unternommen hat, und sich gutes Gewissen dazu machen – durch Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen seitens der YPG, auf zu wenig Respekt für die dschihadistische Zivilgesellschaft, den Öcalan-Führerkult, PKK-Verstrickungen und durch die insgeheime Genugtuung, dass hier schon allein wegen seiner Ansteckungsgefahr etwas tausendfach Schlimmeres vernichtet wird als ein Frauen steinigender und Männern mit stumpfen Messern die Köpfe abschnetzelnder Gottesstaat: ein gelungener Sozialismus, weder venezolanisch autokratisch noch sowjetisch totalitär, sondern einer, der ausnahmsweise wirklich demokratisch war. Möge Allah den Westen und die restliche Welt davor bewahren!


Zum Titelbilld: Die Universität von Quamishlo wird nach erfolgreicher Invasion ebenso Geschichte sein. Auf Twitter kursiert dieses Video: „A new video from Qamishlo where homes in residential neighborhood of Bashiria was hit. This is where Kurds and Syriac Christians live together.

Quelle: https://twitter.com/mutludc/status/1181984925861519368?fbclid=IwAR2dFwx70hTAoztUUD0DyxVr4zPSGRympOpkLT169aXFlljdBodNHf2S1bg


Dieser Text ist eine extended version des am 12.10 2019 unter dem Titel „Bewahre uns Allah davor. Der Überfall der Türkei auf Rojava vernichtet einen demokratischen Sozialismus“ in der Zeitung Neues Deutschland erschienen Beitrags.

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