Vom AMS zum Arbeiten im Après-Ski verpflichtet

Soll das AMS eine 54-jährige Wienerin unter Strafandrohung dazu verpflichten dürfen, in einem Après-Ski-Lokal in Tirol zu arbeiten? Ein entsprechendes Jobangebot ist der Anlass für erneuten Wirbel um das Arbeitsmarktservice in Zeiten der Pandemie. Auf Twitter verteidigt AMS-Chef Johannes Kopf dieses Vorgehen damit, dass das Arbeitsmarktservice nur ein ausführendes Organ sei. Über etwaige Gesundheitsgefährdung würden immer andere entscheiden. Das sieht Sebastian Reinfeldt anders.


Arbeit, Arbeit, Arbeit

Auch in seinem Beitrag für den Kommentar der Anderen im Standard argumentiert der AMS-Chef: Die Aufgabe seines Hauses sei es, Arbeitskräfte zu vermitteln. Egal wohin, und egal, in welche Art von Jobs. Doch kann sich das AMS mit solchen Argumenten einer Diskussion über die Sinnhaftigkeit seines Handelns nicht entziehen.

Diskussion unerwünscht

Klar ist: Den Verantwortlichen passen öffentliche Diskussionen über die Politik des AMS nicht. Da waren zuerst die Trainer*innen in den Kursinstituten, die seit Sommer darüber klagen, dass ihre Gesundheit zu wenig berücksichtigt wird. Erwachsenenbildung findet, so wie die in Schulen und Universitäten, in Räumen statt, in denen atmende Lebewesen auf relativ engem Raum über Stunden hinweg zusammen sind.

Wie wir wissen, erzeugt dieses Setting ein Biotop, in dem sich das Coronavirus besonders gerne verbreitet.

Briefe wurden geschrieben, Petitionen verfasst. Es gab keine Reaktion – und wenn, dann lasen sich die Antworten eher wie ein „Abschaseln“ denn als Dokumente dafür, dass jemand die Sorgen Ernst nehmen würde.
Erst als sich die Betroffenen an Medien wandten und unabhängige Blogs, Zeitungen und sogar der ORF intensiv berichteten, kam Bewegung in die Sache. Schließlich wurde entgegen der eigentlichen Pläne Distance-Learning im harten Lockdown möglich.

Wintertourismus aus Sicht des AMS

Der nächste Anlass für eine unerwünschte öffentliche Diskussion war gekommen, als Johannes Kopf in Übereinstimmung mit der Tiroler Adlerrunde und den Tourismus-Lobbyisten für einen frühzeitigen Beginn des Wintertourismus plädierte. Kurzarbeit mache süchtig, meinte er. So argumentiert Johannes Kopf im Standard-Kommentar, dass es sein Job sei, hier offensiv zu sein. Schließlich gehe es ihm zuvorderst um Arbeitsplätze – das Kerngeschäft des AMS.
Kritiker*innen, die sich am Maßstab der Gesundheit orientieren, tituliert er dabei abfällig als selbsterklärte „Lebensretter“ .

Geht es bei der Arbeitsvermittlung nicht auch um Qualität?

Ist das AMS tatsächlich eine Art neutraler Arbeitsvermittlungsagentur? Nein. Denn Menschen können ihre Situation am Arbeitsmarkt mit Unterstützung des AMS durchaus verbessern. Der Weg dorthin ist zwar schwer und die Institution macht es den Menschen nicht leicht. Möglich ist es dennoch. Und gesellschaftlich wünschenswert sowieso.

Priorität für Gesundheit der Beschäftigten ergibt sich schon aus der Fürsorgepflicht

Die wirkliche Frage ist also nicht, ob beim Handeln des AMS auch qualitative Aspekte von Beschäftigung eine Rolle spielen. Das tun sie nämlich. Die Frage ist: welche und in welchem Verhältnis. Aus dieser Diskussion kann sich der AMS-Chef nicht herauswinden. Und auch nicht aus der Tatsache, dass die Gesundheit der Beschäftigten dabei sehr weit oben stehen muss. Das ergibt sich nicht zuletzt aus der gesetzlichen Fürsorgepflicht eines jeden Arbeitgebers für die Beschäftigten. Daher müssen sich alle Unternehmen um den Arbeitsschutz ihrer Beschäftigen kümmern. Und zwar verpflichtend.

Dass nicht jeder Job, der am Arbeitsmarkt nachgefragt wird, auch vom AMS vermittelt werden sollte, dafür steht ein aktuelles Beispiel.

Wienerin muss sich für ein Après-Ski-Lokal in Tirol bewerben

Am 26.11. 2020 findet eine 54-jährigen arbeitslose Frau aus Wien in ihrer Post insgesamt 5 Jobangebote des AMS. Sie soll in einem Hotel oder in einem Gasthof, einem Gourmet Restaurant oder in einer Après-Ski-Bar (!) arbeiten, in Tirol, in Salzburg oder in Kärnten. Angeboten wird Saisonarbeit, das bedeutet für die ältere Frau, dass sie realistisch gesehen nur begrenzte Beschäftigungsperspektiven für einige Wochen hat. Diese Angebote des AMS sind aber nicht als nett gemeinte Vorschläge zu verstehen. Sie sind mit Strafe bedroht. Sollte sie sich weigern, sich auf unsichere und schlecht bezahlte Jobs zu bewerben, die hunderte Kilometer von ihrem Wohnort entfernt sind, so droht ihr die Einstellung des Arbeitslosengeldes für 6-8 Wochen.


Ist so ein Job zumutbar?

Laut geltender Rechtslage ist jedwede Entfernung des Arbeitsortes vom Wohnort zumutbar, falls ein Unternehmen eine Unterkunft bereitstellt.

Im Jobangebot für das Après-Ski-Lokal wird zudem eine 6-Tage-Woche verlangt. Insgesamt will das AMS also, dass eine 54-jährige Frau in einem potentiellen Superspreader-Lokal monatelang nicht nur ihre Gesundheit riskiert, sondern auch von ihrem Ehemann und ihrem sozialen Leben in Wien abgeschnitten wird. Man braucht nicht viel Empathie aufzuwenden, um sich die soziale und psychische Belastung dieses Jobs vorzustellen. Dafür soll die Frau, so das Offert, 1600 Euro brutto verdienen (minus der branchenüblichen anteiligen Kosten für die Unterkunft).

Das AMS vermittelt gezielt zum Après-Ski

Das liest sich als pure Schikane einer Institution, die Menschen unter Druck setzen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Sie kümmert sich dabei auch nicht um Tatsachen: Weder wissen die Betriebe in Tirol, Salzburg oder Kärnten derzeit, ob sie überhaupt aufsperren dürfen oder wollen. Noch lässt sich abschätzen, ob dies ohne ernsthafte Gefährdung der Gesundheit möglich sein wird. Doch eins ist sicher: Wenn sich die arbeitslose Frau nicht bewirbt, dann droht ihr schon jetzt eine Strafe, die ihre Existenz bedroht.
Dass unter den Dokumenten an die Wienerin auch ein verpflichtende Bewerbung bei einem Après-Ski-Lokal in Tirol ist, macht nur die ganze Absurdität und Brutalität des Vorgehens des Arbeitsmarktservice sichtbar. Im Job-System des AMS finden sich übrigens noch weitere Stellenangebote für solche Jobs.

 


AMS-Gelder kommen nicht aus den Privatschatullen seiner Vorstände

Natürlich kann das AMS so ein Selbstverständnis formulieren und erzwingen. Doch sollte sein Chef nicht vergessen, dass er nicht über sein Privatgeld verfügt, sondern über solidarische Beiträge, die wir alle, direkt oder indirekt, in den AMS-Topf einzahlen. Ich kann nicht erkennen, dass es einen gesellschaftlichen Konsens dafür gäbe, dass Arbeitslose auch zum Sterben verpflichtet werden sollen.


Weitere Hintergründe zu den erzwungen bewerbungen finden sich auf ZackZack von meinem Kollegen Florian Bayer. Legendärer Après-Ski Treff sucht … 


Das Foto hier zeigt eine Szene aus dem eingemotteten Kitzloch.

3 Kommentare

  1. Na sowas, kein Tiroler, der den Job machen will? Die Dame unterstützen, schnellstmöglich einen Job in Wien zu finden, damit sie nicht zu den b’soffen virusverbreitenden Apres Leuten muss. Zutiefst respektlos Arbeitslose zu gesundheitsgefährdender vielleicht lebensgefährlicher Arbeit zu zwingen, wo doch in ein paar Monaten eh die Coronaimpfung da ist. Arbeitslos scheint Kopf würdelos zu sein.

    AMS Annektdoten gibt es viele. Als sich nach einem halben Jahr beim AMS nichts als Deutschtrainerin für mich gefunden hatte, rutschte ich in die Kategorie Notstandshilfe. Da kann man dann nicht mehr wählen und muss jedes Angebot annehmen, wurde mir von der AMS-Beraterin gesagt. Und prompt schickte sie mir ein Jobangebot als Trainerin bei Miss Sporty, worauf ich mich dann auch brav bewarb und eine Einladung zum Vorstellungsgespärch bekam. Weiter ging die Geschichte nicht, weil ich dann auch ein gutes Jobangebot als Deutschtrainerin erhielt.

  2. Ich bin seit März 2020 arbeitslos und habe ständig Kontakt mit diesem Verein. So von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl, dass die nur Arbeitslose verwalten, so wie der Name Arbeitsamt. Ich wohne und leben im Ausserfern ein persönlicher Kontakt mit meinem AMS Berater ist seit März nicht mehr möglich. Das ganze heißt telefonische Beratung. Wie dass mit den ‚Stellenvorschlägen vom AMS läuft weiß ich bis heute nicht, wenn man nachfragt ist keiner zuständig.

  3. Gibt es denn da niemanden, welcher dieser menschenverachtenden „Organisation“ mal auf „die Finger klopft“? Was man da so seit Jahren immer wieder liest gab es auf österreichischen Boden auch vor ca. 80 Jahren, aber doch nicht heute! Österreichs Arbeitslosigkeit nähert sich 500.000 und es fehlen in den nächsten Jahren ca. 100.000 Pflegekräfte – gemäss Herrn Anschober, österreichischer „Gesundheitsminister“ – und die ca. 70.000 Ost-Pflegekräfte sollte man auch ersetzen. Und was macht das AMS: NICHTS! Sondern die Sesselfurzer vom AMS beschäftigen sich mit der menschenverachtenden Schikanierung Arbeitsloser.

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