Auf den Wiener Intensivstationen: Die letzten Tage waren mühsam

Unser Alltag soll wieder normal werden. So lautet das Ziel der Bundesregierung. Im Radio laufen bereits Gewinnspiele für einen entspannten und sorglosen Sommerurlaub in Österreich. Aus den Krankenhäusern hören wir derzeit nicht mehr so viel. Dabei ist die Covid-Lage weiterhin sehr angespannt. Semiosis wurde das Protokoll eines Treffens Wiener Intensivmediziner*innen zugespielt. Wir stellen es hier vor, denn wie es den Menschen auf den Stationen ergeht (den Ärzt*innen, dem Pflegepersonal und den Patient*innen), das ist keineswegs normal. Von Sebastian Reinfeldt


For (y)our eyes only

Der Vermerk am Kopf des Protokolls des Wiener Intensivnetzwerktreffens vom 29. April 2021 richtet sich ausdrücklich an mögliche Mitlesende (wie uns):

Dieses Protokoll ist ausschließlich für den internen informativen Austausch der Teilnehmer des Wiener Intensivnetzwerks, und darf von externen weder zitiert noch anderwertig verwendet werden!

Seit Wochen veröffentlichen wir tagesaktuell die Zahlen der belegten Covid-19-Intensivbetten und haben dabei stabil hohe Zugriffe. Nicht nur neugierige Journalist*innen wollen wissen, was diese Zahlen im Klinikalltag eigentlich bedeuten. Die wirkliche Situation auf den Wiener Intensivstationen ist daher von öffentlichem Interesse. Über sie gibt dieses Protokoll Auskunft, daher veröffentlichen wir anonymisierte Auszüge daraus.

Keine deutliche Entspannung spürbar – 8 Intensivbetten weniger

In eben jenem Sitzungsprotokoll, das Semiosis zugespielt wurde, findet sich eine kondensierte Beschreibung der Situation auf den Intensivstationen der Bundeshauptstadt Ende April 2021.

Trotz der leicht rückläufigen Zahlen ist keine deutliche Entspannung merkbar. Teilweise wurde mit dem Rückbau von „Pop-up Intensivstationen“ begonnen, wodurch im Raum Wien nun 8 COVID-ICU Betten weniger zur Verfügung stehen, was den Druck an einigen Tagen schon spürbar erhöht hat. Im Non-COVID-Bereich ist es weiterhin sehr knapp.

Den Eindruck, dass es weiterhin knapp ist, vermitteln auch die Schilderungen aus den einzelnen Wiener Krankenhäusern. Ihre generelle Tendenz: Die Patient*innen werden durchwegs jünger als vergangenes Jahr und sie liegen lange. Im Protokoll-Jargon werden sie wörtlich als Langlieger bezeichnet. Einzelne Berichte zeigen dabei deutlich, dass die Covid19-Pandemie in den Krankenhäusern alles andere als vorbei ist.

Im AKH: Alle 6 Covid-ICUs mit je 6 Betten sind voll

Die Situation ist im wesentlichen unverändert zu letzter Woche, allerdings tendenziell im COVID-Bereich noch etwas enger. Alle 6 COVID-ICUs mit je 6 Betten sind komplett voll. Zudem wurden heute 3 externe Pat. für eine ECMOs aufgenommen, wodurch nun insgesamt 32 ECMOs (davon 26 COVID-ECMOs und 6 Non-COVID-ECMOs) laufen. Daher sind keine weiteren Aufnahmen mehr möglich, obwohl alle einkommenden EMCO-Anfragen berechtigt sind (meist <60-jährige mit Einorganversagen).

Im Grunde genommen berichten alle anderen Krankenhäuser, dass es sich zur Zeit „knapp“ ausgehe. Besonders Plätze mit ECMOs, mit Lungenmaschinen, sind ein rares Gut. Im Detail vermitteln die sachlichen Berichte, auch wenn sie in der Fachsprache gehalten sind, einen bewegenden Eindruck der Lage auf den Stationen.

Klinikum Favoriten: Alle Betten sind voll

In Favoriten ist noch keine Entspannung bemerkbar. Teilweise sind alle Covid-Betten voll, berichtet der Arzt in der Sitzung. Das Protokoll hält auch die Menge des dort benötigten Sauerstoffs fest:

Es ist noch keine Entspannung bemerkbar, vor allem heute Vormittag war sehr anstrengend. Es sind 19 Betten mit COVID- bzw. post-COVID Pat. belegt. Zudem befinden sich 3 Non-COVID Pat. auf der ICU. Auf der 4. Med sind alle 10 COVID ICU Betten voll. Sobald ein Bett frei wird kommt auch gleich Nachschub. Auf der 1. Med ist nur 1 Bett frei. Die IMCU ist voll mit 8 Pat. am High-flow teilweise mit bis zu 90 FiO2. Möglicherweise wird diese Nacht noch ein COVID-Bett extern benötigt, da sehr viele junge Pat. auf der IMCU liegen, die eine rasche Dynamik zeigen – gestern waren 3 L Sauerstoff ausreichend und heute sind 80 FiO2 am High-flow notwendig.

Krankenhaus Hietzing: Situation ist entspannter, weil einige Patient*innen verstorben sind

Ganz trocken begründet der Kollege vom Hietzinger Krankenhaus die Entspannung der Lage auf der Intensivstation:

Die letzten Tage waren mühsam, da keine Non-COVID Betten frei waren. Auf der neurologischen Intensivstation mussten viele Pat. abgelehnt werden. Im COVID-Bereich ist die Situation etwas entspannter, da in den letzten Tagen leider einige Pat. auf der IMCU verstorben sind.

Welche Stufe gilt jetzt eigentlich?

Die Berichte von den Stationen anderer Krankenhäuser, etwa vom Hanusch, vom AKH aber auch etwa von den Barmherzigen Schwestern ähneln den hier zitierten Einschätzungen. Das Krankenhaus Göttlicher Heiland musste in den vergangenen Tagen Patient*innen abgeben. Dafür bedankt sich der Kollege bei den Anwesenden. Alle 8 Covid-Intensivbetten sind voll.

Unklar ist im Verlauf der Sitzung, welche Covid-Stufe in Wien gerade herrsche. Zur Erinnerung: Der Covid-Krisenplan umfasst 8 Stufen. Im April wurde eine neunte Stufe vorbereitet. Unklar ist, ob sie auch aktiviert wurde.

Kollege (..)  berichtet, dass von der MA24 die Stufe 7 ausgerufen wurde, da ein Intensivbettenbedarf gemäß dieser Stufe 7 besteht. Diese Bettenzahl sollte also auch zur Verfügung gestellt werden.

Kollege (…) ergänzt nach dem Meeting via E-Mail, dass für die Wiegv-Häuser voraussichtlich der Stufenplan verlassen wird und die Anweisungen über die jeweilige Ressourcenverteilung über den Fachstab kommt.

Eine entsprechende Semiosis-Nachfrage beim Büro des Wiener Gesundheitsstadtrats Hacker blieb bislang unbeantwortet. Sollte sie noch erfolgen, wird sie nachgetragen.


Semiosis-Texte zum Thema

COVID-19 Intensivbetten in Wien (aktuelle Zahlen)

Versteckte Triage in Wien: Es wurde kritischer evaluiert, für welche Patient*innen eine Therapie sinnvoll ist

Triage in Wien: So ist die Entscheidung an der Überlebenswahrscheinlichkeit zu orientieren


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