Versteckte Triage in Wien: Es wurde kritischer evaluiert, für welche Patient*innen eine Therapie sinnvoll ist

In Wien werde in den Krankenhäusern nicht triagiert, hieß es seitens des Wiener Gesundheitsverbunds immer wieder. In dem Protokoll des Wiener Intensivnetzwerktreffen vom 15. April 2021, das Semiosis zugespielt wurde, liest sich das allerdings anders. Über das Wochenende 10. auf 11. April 2021 steht da: Insgesamt sind am Sonntag 14 Pat. verstorben,  da kritischer evaluiert wurde, für welche Pat. eine Therapie sinnvoll ist (versteckte Triage). Seither hat sich die Situation deutlich entspannt.

Demnach war die Lage auf den Wiener Intensivstationen doch so ernst, dass triagiert werden musste. Nur hat man es nicht offen ausgesprochen. Wir veröffentlichen hier das gesamte Protokoll, anonymisiert und ungekürzt. Es gibt einen detaillierten Einblick, was diese Welle an COVID-19-Infektionen bei den Betroffenen und in den Krankenhäusern anrichtet. Wir lesen von abgesagten Operationen oder darüber, dass auch Geimpfte (erster Stich!) auf den Intensivstationen landen können.Von Sebastian Reinfeldt.



Problem: Die Monitoring Daten bilden die Realität nicht ab

Kollegin S. spricht das Problem mit den Monitoring Daten an, da es durch das Exkludieren der post-COVID Pat. den Anschein hat, dass, vor allem im AKH, mehr Betten frei sind als eigentlich frei sind. Sie hat bei der Generaldirektion nochmals die Notwendigkeit des Mitzählens der post-COVID Pat. im Monitoring angesprochen. Zudem wäre es wichtig, dass auch die post-COVID-Pat., die nicht auf COVID-Stationen liegen, mitgezählt werden, da sie doch einen großen Burden darstellen. Kollege S. ergänzt hierzu später.

Zahlen sind nicht vergleichbar

Kollege K. ist ebenfalls der Ansicht, dass die Zahlenproblematik sehr groß ist, in den Nachrichten wird von 230 intensivpflichtigen COVID-Pat. berichtet. In Niederösterreich werden im Monitoring nur die belegten ICU Betten, aber nicht die IMCU-Betten erfasst. Daher sind die Zahlen nicht vergleichbar und eine saubere Statistik wird in dieser Pandemie nicht mehr machbar sein.

[Anmerkung: IMCU bedeutet Intermediate Care für „Zwischenpflege“ und ist ein Bindeglied zwischen Intensivpflege (ICU) und Normalpflege.]

Der Peak auf den Instensivstationen war am Sonntag (11.4.2021)

Der für den 9. April erwartete Peak ist erst am Sonntag eingetreten mit 243 belegten COVID-ICU + IMCU Betten. Durch Zusammenarbeit und Zusammenhalt war es möglich über den Tag zu kommen. Insgesamt sind am Sonntag 14 Pat. verstorben, da kritischer evaluiert wurde für welche Pat. eine Therapie sinnvoll ist (versteckte Triage). Seither hat sich die Situation deutlich entspannt. Zurzeit (donnerstags) sind 201 COVID-ICU Betten belegt und jeden Tag werden mehr freie COVID ICU-Kapazitäten verfügbar. Im Klinikum Favoriten sind heute 4 Betten frei und im Klinikum Landstraße sogar 6. Im AKH ist die Situation allerdings angespannter, da sich eine Entlastung aufgrund der hohen Anzahl an ECMOs als schwierig herausstellt. Vom Wiegv wurde die Stufe 9.1 zurückgenommen.

Für 28. April ist ein Abfall auf 206 Intensivbetten in Wien berechnet

Laut der neuesten Hochrechnung (R= 0,95) wird bis 28.4. ein Abfall auf 206 benötigten ICU-Betten erwartet, wobei hier der Bettenbedarf für post-COVID Pat. nicht mit eingerechnet wurde. Das Bedrohlichste scheint überwunden zu sein.

Krankenhaus Hietzing: Große Herausforderung im Non-COVID Bereich

Kollege K. berichtet aus dem Krankenhaus Hietzing: eine große Herausforderung stellt der Non-COVID Bereich dar, hier ist die Bettensituation sehr kritisch. Auf der COVID-ICU herrscht zurzeit kein Bettendruck. Ein Bett ist mobilisierbar. Bei Bedarf können über Nacht bis zu 3 zusätzliche COVID-Pat. intensivmedizinisch betreut werden. Aufgrund der fehlenden Kapazitäten im Non-COVID-Bereich empfiehlt er, post-COVID Pat. nicht auf die Non-COVID Intensivstationen zu verlegen.

Klinikum Favoriten: Kooperation wendet kritische Situation ab

Kollege H. berichtet aus dem Klinikum Favoriten: zurzeit sind auf den 3 Intensivstationen (2x COVID, 1x Non-COVID) jeweils 2 Betten frei. In der letzten Phase wurden die post-COVID Pat. auf die Anästhesie verlegt, wodurch eine Entlastung geschaffen werden konnte. Durch Kooperationen konnten kritische Situationen abgewendet werden. Eine Entspannung ist auf allen Ebenen spürbar. Weiters sieht er es als sinnvoll an, im COVID-Bereich wieder etwas zurückzuschrauben, um wieder mehr Non-COVID Kapazitäten zu schaffen.

Ein mühsames Wochenende im Krankenhaus Floridsdorf

Kollegin S. berichtet aus dem Krankenhaus Floridsdorf: nach dem mühsamen Wochenende hat sich die COVID-Situation nun etwas entspannt. Insgesamt sind 2 COVID-ICU Betten und 3 IMCU Betten frei, auf der Hybrid-Station befindet sich momentan nur 1 COVID-Pat und die Anzahl an Non-COVID Pat. nimmt zu. Von 7 möglichen ECMOs sind derzeit 5 am Laufen, allerdings 2 Wackelkandidaten die evtl noch eine brauchen. Sie fragt in die Runde, ob die Möglichkeit besteht, 2 Pat. zu übernehmen. Es handelt sich hierbei einerseits um eine 24-Pat. die ein IMCU-Bett benötigt als auch um einen Hämatothorax-Pat. aus dem WSP, der ein Non-COVID-ICU Bett brauchen würde.

Monitoring sagt 22 belegte Betten. Tatsächlich sind es aber 33

Kollege S. aus dem AKH ergänzt auch dass er die Zählweise nicht nachvollziehen kann. Laut Monitoring sind 22 belegte COVID-ICU Betten ausgewiesen, tatsächlich sind aber 33 Betten belegt und nur 3 freie Betten vorhanden. Auf der IMCU sind 15 Betten belegt. Statt den gemeldeten 22 Pat. sind tatsächlich 48 in intensivmedizinischer Betreuung.
25 Pat. befinden sich an der ECMO, am Wochenende wurde mit 28 laufenden ECMOs das Maximum erreicht. 10 zusätzliche Konsolen konnten akut angeschafft werden. Im Non-COVID Bereich ändert sich die Situation täglich, am Wochenende war es schwierig, heute eher entspannt mit 2-3 freien Betten.

Keine Entspannung im AKH

Kollege U. berichtet ebenfalls aus dem AKH und kann von keiner Entspannung sprechen. Die COVID-Versorgung ist gerade noch schaffbar, auf C1 ist ein COVID-Bett frei. Abtransfers haben funktioniert. Jedoch stellt der Non-COVID Bereich eine große Herausforderung mit hohem Aufwand dar.

Krankenhaus Göttlicher Heiland ist voll ausgelastet

Kollege R. berichtet aus dem Krankenhaus Göttlicher Heiland: die Situation hat sich aggraviert, mit 12 belegten COVID-ICU Betten sind die Kapazitäten voll ausgelastet. Ein Non-COVID Pat. wird im Aufwachraum beatmet. Auf der COVID-Normalstation liegen heute 39 Pat., davon 6 auf Highflow, zudem 3 Langlieger. Auch im Non-COVID Bereich ist die Situation angespannt, denn es sind keine Betten frei. Die personelle Situation ist weiterhin angespannt: zwar ist mehr Personal vorhanden, dieses ist jedoch nicht genügend ausgebildet und kann nicht selbstständig ICU Pat. versorgen. Das Pflegepersonal ist extrem überlastet: pro ausgebildete ICU-Pflege – 3 zu betreuende Pat. Zusätzlich ist die ICU für 7 Positionen ausgerüstet, zurzeit sind es allerdings 12 belegt. Zudem großer Druck von der Chirurgie und Gefäßchirurgie.

Da freie COVID-ICU Betten in anderen Kliniken vorhanden sind regen Kollege S. und Kollege K. an, COVID-Pat. in andere Kliniken zu transferieren, um die Situation im Göttlicher Heiland etwas zu entschärfen. Die Station 12A der Klinik Landstraße hat Kapazitäten Pat. zu übernehmen.

Nur ein Notbett im Non-COVID Bereich im Hanusch frei

Kollege L. berichtet aus dem Hanusch Krankenhaus: es kann ein freies COVID-ICU Bett angeboten werden. Im Non-COVID Bereich ist bis auf ein Notbett alles belegt.

Kollege B. berichtet von den Barmherzigen Schwestern: im COVID-Bereich ist die Situation derzeit machbar. Auf der Normalstation befinden sich 15 Pat., auf der IMCU 4 – 2 davon sind allerdings Wackelkandidaten. OPs wurden größtenteils abgesagt, am Wochenende werden Tumorpatienten operiert, da unter die Woche hierfür keine Kapazitäten vorhanden sind.

Alle Kapazitäten im Orthopädischen Spital Speising sind ausgeschöpft

Kollege O. berichtet aus dem Orthopädischen Spital Speising: sowohl auf der COVID als auch der Non-COVID Intensivstation sind alle Kapazitäten ausgeschöpft. Ein post-COVID Pat. könnte deisoliert werden, doch zurzeit ist kein Platz vorhanden.

Herz-Jesu Krankenhaus eskaliert auf Stufe 9

Kollege G. berichtet aus dem Herz-Jesu Krankenhaus: zurzeit ist 1 COVID-IMCU Bett frei. Gestern wurde auf Stufe 9 eskaliert, wodurch die IMCU Positionen von 4 auf 6 aufgestockt wurden. Operativ passiert weiterhin wenig. Insgesamt werden momentan 36 post-COVID Pat. betreut, Bedarf gäbe es allerdings deutlich mehr.

Angespannte Situation im Non-COVID-Bereich bei den Barmherzigen Brüdern

Kollegin C. berichtet von den Barmherzigen Brüdern: auf der COVID-ICU befinden sich 6 Pat. und es sind also 1-2 freie Betten verfügbar. Äußerst angespannt ist die Situation allerdings im Non-COVID-Bereich. Die OPs wurden drastisch reduziert, ein OP-Saal wurde zum Aufwachraum umfunktioniert mit OP-Pflege.

Kollege H. berichtet aus dem AUVA Traumazentrum Meidling: die Situation ist heute wieder etwas entspannter und es sind noch Valenzen frei. Es wird erwartet gegen Wochenende wieder Non-COVID Betten anbieten zu können.

Wie häufig müssen auch bereits geimpfte Personen auf der ICU beatmet werden?

Kollegin K. berichtet aus dem Evangelischen Krankenhaus Wien: es besteht die Möglichkeit einen Non-COVID Pat. auf die IMCU zu übernehmen.
Sie fragt in die Runde, wie häufig es vorgekommen ist, dass geimpfte Personen auf der ICU beatmet werden mussten?

Kollegin S. berichtet, dass es zu 3-4 Fällen kam bei denen Personen vor der zweiten Impfung an COVID erkrankten und intensivmedizinisch mit NIV betreut werden mussten. Allerdings wurde es nie notwendig die Pat. zu intubieren. Zudem erholten sich die Pat. deutlich rascher und könnten früher wieder auf die Normalstation verlegt werden.

5 bis 10 Prozent der geimpften Mitarbeiter*innen infizieren sich nach der 2. Impfung

Kollege K. fügt hinzu, dass in den Wiegv-Häusern alle geimpften Mitarbeiter weiterhin wöchentlich abgestrichen werden: ca. 5-10% der Geimpften infizieren sich nach der 2. Impfung mit COVID, größtenteils ist der Verlauf aber asymptomatisch. Dennoch hat sich gezeigt, dass einige der Mitarbeiter ansteckend waren (CT > 30).

Kollegin K. erkundigt sich auch, ob Fälle auftraten bei denen Pat. die in der 1. oder 2. Welle an COVID erkrankt waren nochmals erkrankt sind.
Keinem der anwesenden Kollegen ist so ein Fall bekannt.

Kollege S. berichtet von einer Studie aus Großbritannien und Israel laut welcher das Risiko für einen Spitalaufenthalt ab 3 Wochen nach der 2. Impfung fast 0 beträgt.

Derzeit wird wienweit Stufe 8 von 8 umgesetzt

Kollege O. aus dem Klinikum Floridsdorf bedankt sich für die gute Kooperation und spricht nochmals die Herausforderung der Versorgung von akuten Non-COVID Pat. an.

Kollegin C. erkundigt sich, welche Stufe zurzeit umgesetzt wird. Kollege K. berichtet, dass sich die Wiegv-Häuser auf Stufe 8 befinden.

COVID19-Patient*innen nach Transplantationen

Kollege H. erkundigt sich nach dem Outcome von COVID-Pat. nach Transplantation und erfragt wieviele sich derzeit auf der Warteliste befinden.
Kollege S. berichtet, dass es zu 11 Transplantationen gekommen ist, die alle relativ gut gegangen sind, bisher ist nur 1 Pat. verstorben. Es ist allerdings wichtig zu bedenken, dass diese Pat. sehr lange ein ICU-Bett benötigen und es schwierig ist diese auf eine Normalstation zu verlegen. Dennoch ist der Verlauf insgesamt überraschend gut. Österreichweit stehen derzeit ca. 20 Pat. auf der Warteliste. Momentan werden nur high urgent Non-COVID Pat. transplantiert.
H. berichtet auch von Organspendedaten: es gab keinen Einbruch bei Spendern im letzten Jahr.

Zusammenfassung: Nach dem Peak am Wochenende hat sich die Lage im COVID-Bereich nun größtenteils etwas entspannt

Die Situation in Non-COVID Bereich ist jedoch äußerst angespannt, und teilweise kaum zu lösen. Das Chaos der unterschiedlichen Zählweisen macht eine wirkliche Darstellung der Last durch die COVID Patienten unmöglich.


Wir haben bei der Pressestelle von Gesundheitsstadtrat Hacker nachgefragt und um einen Kommentar und eine Einordnung gebeten. Sobald von dort eine Antwort kommt, werden wir sie einarbeiten.


Semiosis-Texte zum Thema

Tagesaktuelle Zahlen aus den Wiener Krankenhäusern seit März 2021 (täglich)

Triage in Wien: So ist die Entscheidung an der Überlebenswahrscheinlichkeit zu orientieren (23. März 2021)

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