Praktisch seit Beginn der Pandemie diskutieren wir die Rolle der Schulen und Kindergärten im Infektionsgeschehen. Wir tun dies zumeist mit einer unklaren Datenlage und ohne die Betroffenen. Sicher ist, dass Schulen und Kindergärten Umschlagplätze von Omikron sind. Unklar bleibt trotz intensiver Recherchen aber, wie viele Kinder und Jugendliche bislang mit einer COVID-Diagnose ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Lange Zeit wurde seitens der Fachgesellschaft sogar bestritten, dass Kinder in Österreich an LongCovid erkranken können. Zahlen dazu sind öffentlich nicht verfügbar. Dieses Underreporting ist kein Zufall.

Mati Randow, der Schulsprecher der AHS Rahlgasse, will bei der Politik der Durchseuchung nicht zusehen. Wir haben im Semiosisblog die von ihm initiierten offenen Briefe (Brief eins und Brief zwei) an die Regierung dokumentiert. Sie konnten die Nebel des Schweigens zumindest zeitweise lichten. Heute gibt es in Wien wieder Schulstreiks. Wie ist die aktuelle Situation an den Schulen? Wir haben mit Mati Randow gesprochen.


Seit Tagen liegen die Infektionszahlen über 20.000 täglich. Wie ist deinen Informationen zufolge die Infektions-Situation an den Schulen in Österreich?

Wie schon in der Delta-Welle sind die Inzidenzen bei jungen Menschen und vor allem bei den Pflichtschüler*innen höher als in allen anderen Altersgruppen. Ob das daran liegt, dass hier mehr getestet wird, ist mir ehrlich gesagt egal. Die Zahlen sind einfach zu hoch. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass rund um einen herum dauernd Mitschüler*innen krank werden oder als Kontaktpersonen in Quarantäne müssen und Klassen geschlossen werden. Das ist Distance Learning durch die Hintertür mit völlig vermeidbaren Infektionen.

Sind die Schüler*innen und Lehrer*innen derzeit ausreichend geschützt?

Nein.

Was würde es für ihren Schutz konkret brauchen?

Seit Monaten liegen Konzepte von Expert*innen für sichere Schulen auf dem Tisch, die ständig der Situation angepasst werden. Sie werden einfach ignoriert. Man muss selbstverständlich sicheren Präsenzunterricht ermöglichen, weil Distance Learning in derzeitiger Form kein langfristiges Bildungskonzept darstellt. Das geht nur mit Luftfiltern in jeder Klasse, mindestens drei PCR-Tests pro Woche, CO2-Messgeräten, FFP2-Masken und Co. Davon sind wir meilenweit entfernt. Es darf nicht sein, dass wir Schüler*innen den Preis dafür bezahlen, indem wir am Ende des Tages zur Infektion gezwungen werden. Wenn Schulen also akut unsicher sind, braucht es kurze Distance Learning Phasen.

Wie nimmst du die Stimmung an den Schulen wahr? Wie ist der Schulstreik bislang verlaufen?

Die Stimmung ist sehr aufgeheizt, weil wir alle merken, dass wir langsam am Limit sind. Die Streiks diese Woche bringen das zum Ausdruck. Am Montag haben wir sie ausgerufen, schon am Dienstag haben sich Schüler:innen von weit über 100 Schulen beteiligt. Am Donnerstag sind noch zahlreiche in der Steiermark hinzugekommen, heute am Freitag geht‘s in Wien weiter, wo die SV der Hegelgasse 12 auf Eigeninitiative einen Streik organisiert und der Ring für uns gesperrt wird. Wir können die aktuelle Politik einfach nicht länger mittragen.

Gab es seitens des Ministeriums Rückmeldung auf euren Brief bzw. auf eure Protestmaßnahmen?

Es gab eine Presseaussendung, in der Minister Polaschek einen Erlass von vergangener Woche als Reaktion auf unsere Proteste verkauft hat. Viele Medien haben scheinbar nicht recherchiert und das aufgegriffen. Mit uns hat niemand aus der Politik geredet.

Gibt es möglicherweise doch noch Bewegung bei der Gestaltung der mündlichen Matura?

Bewegung muss durch etwas angestoßen werden. Das versuchen wir gerade. Ich hoffe, nicht nur für uns, sondern auch für Minister Polaschek, dass hier noch etwas getan wird. Diese Prioritätensetzung, mitten in die Omikron-Welle hinein statt Entlastungen das Abhalten der Matura in nahezu vollem Umfang anzukündigen, ist völlig unangebracht. Ich glaube nicht, dass sich das ausgehen wird.

Wie geht es weiter? Wird es einen erneuten Streiktag geben?

Es wird weitere Streiks geben. Uns ist aber wichtig, dass es bei unseren Aktionen zu keinen Infektionen kommt, das werden wir nicht in Kauf nehmen. Wovon ich also nichts halte, ist jetzt voreilig Großdemonstrationen anzukündigen, wie das die aks für nächste Woche getan hat. Bei wahrscheinlich über 30.000 täglichen Neuinfektionen ist das Risiko sehr hoch. Da fragt man sich dann schon, ob es noch wirklich um Gesundheit und Entlastung von Schüler:innen geht, oder der Vorwurf der „destruktiven Showpolitik“ gerechtfertigt ist. Wir sind jung, vernetzt und digital kompetent. Ich fände es angebracht, unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, ohne uns dabei selbst zu durchseuchen. Ich bin auch überzeugt davon, dass wir das können.


Zum Weiterlesen: Politikversagen in der Pandemie – ein Überblick

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