Wo sind die Zahlen über Krankenhausaufenthalte von Kindern und Jugendlichen mit Covid-19?

Dies ist nicht der erste Artikel zum Thema Hospitalisierung von Kindern und Jugendlichen mit Covid-19-Erkrankungen, den wir recherchieren. Begonnen haben wir damit am 21. Januar 2021 (Das Verschwinden von Kindern und Jugendlichen aus dem Infektionsgeschehen in Österreich). Der nächste folgte am 24. Februar 2021 (Auf der Suche nach infizierten Kindern), dann am 21. April 2021 (In der Pandemie-Gartenzwergrepublik: Auf der Suche nach den infizierten Kindern). Ende Mai 2021 haben wir erneut mit Anita Groß von medonline kooperiert und endlich einen Überblick erstellen können. Bis Ende März 2021 waren rund 1200 Kinder und Jugendliche mit Covid-Symptomen im Krankenhaus. Seitdem stellen die zuständigen Stellen in Österreich aber keine aktuellen Zahlen mehr zur Verfügung. Sebastian Reinfeldt berichtet über einen Datenskandal erster Güte.


Im Kreis geschickt

Es ist die Pflicht der öffentlichen Verwaltung, alle Daten über die Pandemie-Situation leicht zugänglich zur Verfügung zu stellen. Gibt es jemanden, der dieser Aussage ernsthaft widersprechen würde? Woran liegt es dann, dass dies in Österreich offensichtlich und nachweisbar nicht der Fall ist? Statt belastbarer Zahlen hören und lesen wir den Stehsatz, dass Kinder und Jugendliche eh nicht von der Pandemie betroffen seien. Sie wären keine Treiber und sie würden auch nicht ernsthaft erkranken.

Ist das aber wirklich so? Bei Nachfragen werden wir seit Monaten immer wieder im Kreis geschickt: Vom Ministerium zur AGES zur Fachgesellschaft oder aber zu den Landesbehörden, da Krankenhäuser ja Bundesländersache seien. Diese verweisen dann wieder zu AGES, verweigern ganz die Auskunft oder vertrösten, bis die Statistiken ausgewertet sind. Ein Beispiel:

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Diese ist bei uns eingelangt und wir sehen, ob wir intern Informationen dazu haben,

so antwortete das Sozialministerium am 26. April 2021. Sie sehen offenbar bis heute noch nach. Eine Antwort auf unsere damalige Anfrage nach Zahlen zu Kindern und Jugendlichen mit Covid-19 im Krankenhaus ist nämlich niemals angekommen.

Ende Januar 2021: 360 Kinder und Jugendliche

Daher ein Rückblick: Die Österreichische Gesellschaft für Kinder und Jugendheilkunde (ÖGKJ) veröffentlichte am 31. Januar 2021 erstmals einige Zahlen. Seit Beginn der Pandemie wurden 360 SARS-CoV-2 infizierte Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre mit stationärer Behandlung an österreichischen Kinderabteilungen gemeldet, mehr als 30 davon waren Zufallsbefunde. So der damalige Wissensstand. Bei 51 Kindern wurde MISC/PIMS-TS diagnostiziert, zirka 21 davon wurden auf einer Intensivstation behandelt. Insgesamt (Covid-19 und MISC) wurden 26 Kinder auf Intensivstationen behandelt. medonline und Semiosis recherchierten dies gemeinsam und berichteten zeitgleich. In den folgenden Wochen kommen dann keine Zahlen-Updates mehr. Es bleibt kompliziert.

Februar 2021: Ansteckung in Schulen werden runtergespielt

Der AGES-Chef für Öffentliche Gesundheit, Franz Allerberger, meint auf einer Fortbildungsveranstaltung im Februar 2021

Ich könnte aus dem Stand heraus keine Infektionskrankheit nennen, die so
harmlos für Kinder ist wie Covid,

so berichten uns Teilnehmer*innen. In unserer Recherche dazu finden wir zeitgleich eine ganze Reihe von Ansteckungen in Schulen und Kindergärten. 8. Februar 2021: Cluster in Loosdorf wächst. Bereits 41 Fälle rund um Kindergarten. 24. Februar 2021: 26 Fälle in Volksschule im Bezirk Korneuburg. Ebenfalls am 24. Februar 2021: Corona-Fälle an 13 Schulen in Wiener Neustadt und in Wiener Neudorf. 24. Februar 2021: Südafrika-Mutation in sieben Fällen aus Wiener Neudorf, so wird am selben Tag von Infektionen in Kinderhorten und Schulen in Österreich berichtet. Dann schließen die Behörden in Wien an diesem Tag eine Volksschule in Wien Hietzing wegen Corona-Ausbruch, und so geht es weiter…

April 2021: Wie sieht es mit LongCovid bei Kindern und Jugendlichen aus?

Und was ist mit Long Covid bei Kindern? So lautete unsere nächste Frage. Weltweit erscheinen erste Studien zu den Spätfolgen einer Erkrankung. Und in Österreich? Dort ist die Krankheit überhaupt erst seit Jahresbeginn 2021 (!) codierbar. Die Antwort von dem bei der ÖGKJ zuständigen Volker Strenger, die uns per Mail erreicht, ist daher ernüchternd. Österreichweit gebe es kein routinemäßiges Monitoring von Covid bei Kindern und Jugendlichen. Volker Strenger berichtet:

Meine letzte Erhebung der von Ihnen angefragten Daten war im Jänner. Deren Ergebnisse habe ich Ihnen damals zur Verfügung gestellt. Falls Sie diese neuerlich benötigen, kann ich Sie Ihnen gerne noch einmal schicken. Eine aktuelle Umfrage an die Kinderabteilungen läuft. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es immer eine Zeit dauert, bis ich von allen Abteilungen Rückmeldungen habe.

Und zum Phänomen von Long Covid bei Kindern und Jugendlichen meint er:

An der Grazer Kinderklinik (Einzugsgebiet 150.000 Kinder/Jugendliche) betreuen wir eine Jugendliche (14-18a) mit Long Covid.

Umfrage an alle Bundesländer und an Gesundheit Österreich startet

Gemeinsam mit medonline wagen wir einen erneuten Versuch. Wir fragen bei allen Bundesländern in Österreich die Zahlen der hospitalisierten Kinder und Jugendlichen nach. Ebenso wollen wir Daten und Fakten zu Long Covid bei den Betroffenen wissen. Im Zuge dieser Recherche erfahren wir, dass die Gesundheits Österreich Zugriff auf die Daten der Krankenhausbetreiber habe. Eine Nachfrage dort ergibt den zweiten Überblick: 1021 Kinder und Jugendliche bis 24 Jahre waren bis Ende Februar 2021 mit Covid-19 im Krankenhaus. Kurze Zeit später fragt auch die ZiB2 nach und bekommt von dort aktuelisierte Zahlen bis Ende März 2021. Nunmehr beläuft sich die Zahl auf 1241 Kinder und Jugendliche im Alter bis 24 Jahren. Wir tauschen mit der ZiB die Informationen aus und veröffenlichen sie. Hier die Tabelle:

CovidKids im Krankenhaus

 ÖGKJ bis 01/21GÖG bis 02/21GÖG bis 3/2021BundesländerWien - 04/21Stmk 04/21OÖ . 04/21 April 2021Tirol 04/21NÖ 03/21)
Hospitalisierung 0-24 Jahre 10911241Hospitalisierung 0-24 Jahre 150 (0-19Jahre)96167 (0-19 Jahre)85 (0-19 Jahre)105 (0-19 Jahre)
Hospitalisierung 0-15 Jahre360455569Hospitalisierung 0-15 Jahre731155249
0 - 42533160 - 4k.A.50583023
5 - 14 202253 5 - 14 k.A.23572226
15 - 1925427815 - 19k.A.23423356
20 - 2438239420 - 24k.A.k.A.k.A.
davon auf Intensivstation 0-24 J8898davon auf Intensivstation 0-24 J15 mit MISC/PIMS126 (0-19)3
0 -4 23240 -4 k.A.54k.A.
5 - 1415265 - 14k.A.84k.A.
15 - 19242315 - 19k.A.34k.A.
20 - 24262520 - 24k.A.k.A.k.A.k.A.
Im Krankenhaus verstorben 0-247 (04/21)k.A.Im Krankenhaus verstorben 0-2410000
Long Covid (seit Jänner 2021 codierbar)8k.ALong Covid (seit Jänner 2021 codierbar)0k.A.7k.A.3
MISC/PIMSk.A.k.A.MISC/PIMS206580

Seit Mai 2021 sind keine Aktualisierungen verfügbar

Im Juli 2021 gibt die Gesundheit Österreich dann ein Factsheet zu Hospitalisierungen heraus. Es ist nach Altersgruppen geordnet. Leider fehlen darin ausgerechnet die Zahlen zu ’normalen‘ Krankenhausaufenthalten von Kindern und Jugendlichen, bei denen Covid-19 festgestellt wurde. Das Factstheet enthält nämlich nur die Belegung von Intensivbetten. Auf erneute Semiosis-Nachfrage bekommen wir am 20. Juli 2021 die folgende Antwort:

Die von Ihnen nachgefragten Zahlen wurden bislang nicht aktualisiert, daher kann ich Sie Ihnen leider nicht liefern. Gerne merke ich Ihre Anfrage vor und komme wieder auf Sie zu, sobald eine Aktualisierung vorliegen sollte.

44 jugendliche Post-Covid-Patient*innen

Was wir in Erfahrung bringen konnten: Bis 31. Mai 2021 wurden 44 Aufenthalte von Jugendlichen bis 19 Jahren mit Post-Covid als Haupt- oder Nebendiagnose codiert.

Kinder und Jugendliche mit Post-Covid Symptomen im Krankenhaus

 Laut Gesundheit Österreich. Daten bis 05/2021
Post Covid Symptome bis 19 Jahre gesamt44
0 - 48
5 - 96
10 - 1414
15 - 1916
Zum Vergleich: Datenlage vom Februar 2021
Im Krankenhaus verstorben 0-243 (+4 bislang im April 2021)
Long Covid (seit Jänner 2021 codierbar)8
MISC/PIMSk.A.

Warum diese dürren Antworten und die verstreuten Zahlen? Es gibt eigentlich keinen anderen Schluss als den: Das ist Absicht so. Besonders in Hinblick auf den Herbst 2021, wenn ungeimpfte Kinder praktisch ungeschützt in Schulen und Kindergärten gehen werden, tun die Behörden so, als ob deren Gesundheit nicht wirklich gefährdet sei. In den Plänen einer Minderheit von Wissenschaftler*innen, die auf eine ’natürliche‘ Durchseuchung der Gesellschaft statt staatlicher Maßnahmen setzen (Great Barrington Declaration), spielen nämlich Kinder und Jugendliche eine zentrale Rolle: Sie verteilen das Virus in der Gesellschaft und helfen so bei der Herdenimmunisierung.

Die österreichischen Behörden hören offenbar auf genau diese Minderheit in der Wissenschaft, die letztlich ein sozial-darwinistisches Konzept verfolgen. Wer erkranke, der oder die sei schwach und daher nicht besonders schützenswert. Das ist – neben den unvollständigen und intransparenten Daten – der zweite Skandal.


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