Covid-19 in Ischgl: Erkrankungen im Ort bereits Anfang März

In einem aktuellen Beitrag für die Wiener Klinische Wochenschrift haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AGES nun die Infektionen im Tiroler Winterschiort Ischgl wissenschaftlich aufgerabeitet. Sie stellen eindeutig fest, dass der deutsche Barkeeper mit norwegisch klingendem Namen nicht der erste COVID-19 Fall im Ort gewesen ist. In ihrem Beitrag zeichnen sie das Bild eines vehementen Ausbruchs von Infektionen in Ischgl Anfang März nach. Obwohl die Betroffenen ihre Symptome berichtet haben, hatte dies zuerst keine Konsequenzen. Sebastian Reinfeldt fasst die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen.


Es liest sich wie ein Daten-Krimi, was die Wissenschaftler*innen der AGES nun zum Ausbruch von COVID-19 in Österreich herausgefunden haben. Sie zeichnen die Vorgeschichte des Ausbruchs nach, der dann zu einer „supernationalen Epidemie eskalierte“ , wie sie feststellen. Ausgangspunkt dieser Verbreitung ist der Winterschiort Ischgl.

Erste Infektion in Tirol Ende Januar 2020

Die erste dokumentierte Patientin mit COVID-19 in Österreich war eine 33 Jahre alte Deutsche, die sich vom 24. zum 26. Januar im Kühtai, Bezirk Imst, in Tirol auf einer Schihütte aufgehalten hat. Sie erkrankte am 24. Januar. Da sie erst bei ihrer Rückkehr nach München dort getestet wurde, zählt sie laut Statistik nicht als österreichischer Fall. Das  Contact-Tracing ergab: Sie hat sich von einer aus China stammenden Person in Deutschland angesteckt. Wahrscheinlich im Zeitraum vom 20. bis zum 22. Januar. Aber: Das genetische Muster des Virus der späteren Infektionen unterschied sich von dem „München-Cluster“ , so dass dieses nicht die Ischgler Infektionen ausgelöst hat.

Erste infizierte Österreicher*innen Ende Februar in Wien

Mit 25. Februar datiert die erste registrierte Infektion in Tirol. Sie fand im Innsbrucker Hotel Europa statt. Eine italienische Rezeptionsmitarbeiterin und ihr Partner hatten sich wahrscheinlich in Italien angesteckt. Ende Februar registrierten die Behörden in Wien die erste Infektion von Österreicher*innen. Eine davon wird „Cluster Delta“ genannt und umfasst sechs Fälle, bei denen die Herkunft der Infektion nicht ermittelt werden konnte. Darunter der Fall eines 72 Jahre alten Rechtsanwalts, der im Februar ins Krankenhaus kam. Seine COVID-19 Infektion kam zutage, weil bei Patient*innen der Wiener Krankenhäuser COVID-19 Tests durchgeführt worden waren.

Der Kitzloch- Barkeeper war weder „Patient O“ in Ischgl noch ein Superspreader

Wer weiß, wie die Ischgler Infektionsketten verlaufen wären, hätten die Tiroler Behörden ähnliches veranlasst. So verbreitete sich im Februar das Virus ungehindert im Ort – allerdings verdeckt. Eine Kellnerin aus dem Kitzloch erkrankte bereits am 8. Februar. Sie wurde allerdings erst am 9. März 2020 positiv getestet. Das Virus kann noch 60 Tage nach Infektion bei einem PCR-Test nachgewiesen werden. Am 27. Februar klagte ein weiterer Kellner des Kitzlochs über Symptome. Später wurde auch er positiv getestet. Auch Fall 3 – ein norwegischer Erasmus-Student – war Gast im Kitzloch. Er gehört übrigens zu einer Gruppe von Studierenden aus Norwegen, von denen bereits am 6. März ein positives Testergebnis bekannt wurde. Ihr Besuch in der Kitzloch-Bar wurde aber erst später ermittelt.

Die Verbeitung von COVID-19 Infektionen in Ischgl – nach Symptomen. Quelle: AGES

Der bekannte Barkepper trägt in der oben stehenden Tabelle übrigens die Fallnummer 4.

Unentdeckte Infektionen fanden in Ischgl bereits im Februar 2020 statt

Was hier am Blog mehrfach berichtet wurde, bestätigen die Wissenschaftler*innen der AGES in ihrer Studie. Im englischen O-Ton schreiben sie:

In our opinion, undetected transmission of SARS-CoV-2 had been ongoing in Ischgl for some time prior to the first laboratory confirmed cases.

Im ersten Semiosis-Text zu Ischgl, der am 14. März 2020 erschienen ist, berichtete ein deutscher Tourist.

Die Ischgl-Mistsäcke wussten allerdings bereits seit spätestens Dienstag – vergangene Woche – um massivste Verdachts-Fälle. Sie sagten aber nix, um die Saison zu retten. Erst am Dienstag mussten dann alle Après Ski Läden schließen, mittlerweile ist Ischgl dicht.

Ein Koch in einem Haubenrestaurant in Ischgl berichtete am 17. März:

Wir wollten Gewissheit haben, ob wir gesund sind bzw. positiv und baten unseren Chef, einen Arzt ins Hotel kommen zu lassen, wie es auch in einigen anderen Hotels gemacht wurde. Dies wies er ausdrücklich ab. Daraufhin bin ich am selben Tag noch zum Hausarzt in Ischgl und wollte mich testen lassen. Dies wurde wiederum nicht gemacht, da ich keine Symptome aufwies. Aber ich hatte Kontakt mit mindestens einer positiv getesteten Person. Also sind – sicher Hunderte Mitarbeiter – unregistriert noch ausgereist, von denen mit Sicherheit eine Vielzahl positiv ist.

Und ein Mitarbeiter der Silvretta Seilbahn erzählte in einem Video-Interview am 13. April:

Ab 20. Februar gibt es bereits Gerüchte wegen des Corona-Virus im Ort. Es soll in Ischgl umgehen. Nicht nur er fühlt sich zu dieser Zeit nicht gut, sondern auch Seilbahn-Kollegen zeigen Symptome.

Also kontaktiert er die Arztpraxis von Andreas Walser im Ort. Dort wurde er nicht untersucht. Lediglich am Telefon erklärt ihm eine Frauenstimme: Das werde schon wieder von alleine und er solle einfach 2-3 Tage daheim bleiben. Getestet wurde er in dieser Zeit nicht. Nach einigen Tagen fühlt er sich besser und geht auch wieder arbeiten. Ob er zu dieser Zeit ein Viren-Überträger ist, bleibt offen.

Kitzloch, Kitzloch – Was wussten die Behörden?

Alle diese Berichte sind nun durch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie bestätigt worden. Das Infektionsgeschehen fand bereits zuvor statt. Der Arzt im Ort diagnostizierte – wenn überhaupt – durchgängig Grippe und verordnete zwei bis drei Tage Ruhe. Sogar als die ersten Warnungen aus Island am 3. und 4. März bekannt wurden, weigerten sich die Behörden, breitflächig zu testen, um dem Virus auf die Spur zu kommen. Island erklärte Tirol bereits am 29. Februar zur Hochrisikoregion. Am 8. März berichtete Dänemark 4 Fälle mit Bezug auf das Paznauntal. Am 9. März meldete Norwegen insgesamt 15 Infizierte aus Ischgl.

In der letzten Saisonwoche vom 7. bis 13, März wurden im Ort dann getestet, allerdings nur Verdachtsfälle. Das Resultat: Bei 104 Verdachtsfällen gab es 60 positive Testergebnisse (!). Dennoch: Bis Freitag, den 13, März, lief der Saisonbetrieb praktisch ungehindert weiter. Und als die Quarantäne verkündet worden war, reisten tausende Gäste und Personal ungetestet ab. Unter den Augen und mit Wissen der zuständigen Behörden.


Vorankündigung: Alles richtig gemacht?

Sebastian Reinfeldt wird seine Recherchen – ergänzt durch neue Erkenntnisse – in einem Buch zusammen fassen. Dafür gibt es eine eigene Homepage, mit der Möglichkeit, die Entstehung durch Spenden zu unterstützen.

Alles richtig gemacht? Ischgl und die Folgen. Oktober 2020


Titelfoto: Am 24.April vor dem Kitzloch. Mit dem Journalisten Christof Lang (RTL und n-tv)

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