Anfang August 2022 gingen die Wogen bei der Weltaidskonferenz in Montreal hoch. Aktivist*innen erklommen die Bühne und protestierten. Die Welt habe nichts aus der Covid-19-Pandemie gelernt, meinen sie. Ihre Botschaft: No one is safe until all of us are safe. Die Protestierenden kritisierten unter anderem, dass die Vereinigten Staaten in den letzten Jahren 20 Millionen Affenpockenimpfstoffe (!) verfallen ließen, während in afrikanischen Staaten weitere Affenpockenfälle auftraten. Semiosis hat nachgefragt, wie es denn diesbezüglich in Österreich ausschaut. Hier geizt das Ministerium mit Impfstoff und Informationen. Die gute Nachricht ist: Gegen Affenpocken gäbe es bereits einen wirksamen Impfstoff, der die Ausbreitung des Virus verhindern könnte.

Österreich hat indes gerade mal 4400 Dosen vorrätig. Und das ist bei weitem zu wenig. Von unserem neuen Gastautor Felix Korbinian Schmidtner. (Willkommen im Team!)


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Ausnahmezustand wegen Affenpocken in den USA

Aktivist*innen protestieren gegen die weltweite Untätigkeit in Sachen Affenpocken

In den USA gibt es derzeit knapp 16 000 Fälle der Krankheit. New York und San Francisco haben den State of Emergency ausgerufen. So schlimm ist es in Österreich noch nicht. Aber der nächste Affenpockenhotspot ist nur eine Flugstunde nach Berlin entfernt. Auch die Homosexuellen-Initiative Hosi Wien fühlte sich an den Umgang mit der Coronapandemie erinnert.

Wieder einmal wird rumgesessen, zugewartet und gehofft, das Problem würde sich von selbst lösen. Statt das Virus rasch einzudämmen, sieht Rauch bei der Verbreitung zu,

kritisert Ann-Sophie Otte, Obfrau der HOSI Wien, in einer Presseaussendung.

Ein Virus für jedermann und jederfrau

Fest steht, das Virus kann theoretisch jeden und jede treffen. Ein besonderes Risiko für Ansteckungen haben aber weiterhin Männer, die mit anderen Männern Sex haben (MSM). Über 90 Prozent der Ansteckungen finden – außerhalb der endemischen Staaten Afrikas – in sexuellen Kontakt unter MSM statt. Das stellt die WHO fest.

Affenpockenviren findet man zwar auch im Rachen von Infizierten und sie halten sich lange an Oberflächen. Ansteckungen aber finden bei diesem Ausbruch in erster Linie bei direktem Kontakt mit dem infektiösen Pustelsekret statt. Wieso das so ist, das ist noch Gegenstand der Forschung. Eine der Thesen besagt, dass die Viruslast im Rachen zu niedrig ist. Community nahe Wissenschaftsreporter wie Kai Kupferschmidt und Benjamin Ryan argumentieren zudem, dass die Sexual Networks von MSM-Männern eine wesentliche Rolle spielen, weshalb sich der Ausbruch derzeit noch unter MSM-Männern hält.

Mangelnde Impfstoffvorräte in Österreich

Die WHO hat offiziell einen Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite ausgerufen und schätzt das Ansteckungsrisiko in Europa als hoch ein. Stand August gibt es keine 5 000 Affenpocken-Impfstoffdosen in Österreich. Genau genommen sind es 4400. Für diese lächerliche Anzahl hagelte es auch schon Kritik seitens der HOSI Wien. Ganz Österreich habe weniger Impfstoff zur Verfügung als nur die Stadt Berlin alleine. Das Ministerium reagierte mit einer Presseaussendung mit der Aussage, weitere Dosen werden ja eh schon geliefert.
Zur Relation: Für eine vollständige Impfung benötigt es zwei Dosen im Abstand von vier Wochen. In Deutschland hat die Deutsche Aidshilfe den Bedarf auf 1 Million notwendige Dosen geschätzt. Auf die österreichische Bevölkerung gerechnet wären das 108 000 Dosen.

Umfragen zufolge identifizieren sich sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung als homosexuell. Laut Gregg Gonsalves, einem Forscher der Yale School of Medicine, würden zwar die Impfung von weniger als der Hälfte der Hochrisikomänner bereits ausreichen, um den Ausbruch zu stoppen. Aber selbst dafür reicht der Impfstoff in Österreich nicht aus.

Das Nationale Impfgremium empfahl daher bis vor kurzem den Einsatz von Impfstoffen in erster Linie zur postexpositionellen Prophylaxe – also nach dem Kontakt mit einer infizierten Person.

Impfempfehlung Stand 14.7.2022

Diese Empfehlung wurde erst mit 23. August auf Personen mit besonderen individuellen Risiko ausgeweitet. Zeitgleich zog das Gesundheitsminsiterium in Österreich der USA nach und fünfteilt die Dosen.


Impfstoffexpertin Christina Nicolodi sieht die Verringerung der Impfdosis auf ein Fünftel als einen guten Ansatz, rasch die verfügbaren Dosen um ein Vielfaches zu Erhöhen. Nicolodi merkt auf Semiosis-Nachfrage dazu an:

Ein Plan zur Steigerung der Kapazitäten und zur gezielten und gerechten Verteilung fehlt aber noch. Neben der Verteilung ist wesentlich, die Produktionskapazitäten rasch und unbürokratisch zu erhöhen, die Diagnostik zu erhöhen, die Impfquoten in Ländern mit hohen Prävalenzen zu erhöhen, sowie Aufklärungskampagnen zur Verringerung des Risikos einer Mensch-zu-Mensch Übertragung zu intensivieren.

Rauch: Unwissend, falsch zitiert, oder bewusst gelogen?

Seltsamerweise fiel Gesundheitsminister Johannes Rauch vor kurzem gegenüber dem Standard mit einer beschönigenden Behauptung auf. Er meinte:

Einer Stigmatisierung von homosexuellen Männern wirken wir durch vermehrte Aufklärung und vorbeugende Impfung in Risikogruppen aktiv entgegen.

https://www.derstandard.at/story/2000138256779/wie-gefaehrlich-sind-die-affenpocken

Entweder unterschätzt Johannes Rauch, wie viele queere Menschen in Österreich leben oder er behauptete bewusst falsche Tatsachen. Denn zu dem Zeitpunkt seiner Aussage am 16. August 2022 gab es weder vermehrte Aufklärung noch die Möglichkeit, sich vor einer Infektion zu impfen.

Mario Lindner, Gleichbehandlungssprecher im Parlament von der SPÖ, hat angesichts der schleppenden Fortschritte letzte Woche eine entsprechende parlamentarische Anfrage an das Gesundheitsministerium gestellt. Er möchte wissen:

Wurden Sie in der Online-Ausgabe Tageszeitung Der Standard am 17. August 2022 richtig zitiert?
a. Wenn ja, welche „vorbeugende Impfung in Risikogruppen“ ohne Risikokontakte gab es zu diesem Zeitpunkt?
Wenn nein, wurde dieses Zitat angesichts der fehlenden Möglichkeit einer präexpositionellen Impfung im Sommer 2022 richtig gestellt?

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/J/J_12056/index.shtml

Darüber hinaus möchte Lindner wissen, wann und wie viele Impfdosen pro Bundesland zur Verfügung stehen, und ob sich Österreich ähnlich wie Deutschland über das EU-Ankaufprogramm hinaus Impfstoffe ordern wird.

Auf Semiosis-Nachfrage beim Ministerium antwortete dieses leider nur floskelhaft auf unsere ähnlich gelagerten Fragen. Sie meinen, dass man sich auf solidarische und gemeinsame Beschaffung auf EU-Ebene entschieden habe und man laufend daran arbeite zusätzliche Impfstoffmengen zur Verfügung zu stellen.

Was ist eigentlich mit den alten Pockenimpfstoffen?

Der Affenpockenvirus ist ein Virus der Orthopoxviren, also nah verwandt zum Pockenvirus, was eine Kreuzimmunität der Pockenimpfstoffe ermöglicht. Die Pocken (oder Blattern) hatte selbst Maria Theresia schon. Die Auslöschung dieser Infektionskrankheiten wird als einer der größten Erfolge der modernen Medizin behandelt. Der damals angewandte Impfstoff war ein Lebendimpfstoff auf Basis eines schwächeren, verwandten Virus. Er konnte in den Impflingen replizieren, weshalb sich auch eine Impfnarbe bildete. Daher war hier eine Ansteckung von der Impfnarbe möglich und es konnten weitreichende Komplikationen in immunsuprimierten Menschen führen, weshalb die Massenimpfungen hiermit beendet werden. Eine Reihe von Industriestaaten und die WHO hat aber für den Fall, dass Pocken wieder auf der Welt auftreten, Vorräte im dreistelligen Millionenbereich gelagert. Für den derzeitigen Ausbruch mit zahlreichen HIV-Infizierten in der Risikogruppe werden diese Vorräte aber als ungeeignet angesehen.

Mangelnde Infos, wohin man schaut

„Wie sollen sich Menschen schützen, wenn sie nicht einmal informiert werden, dass sie sich schützen sollten?“, fragte die HOSI Wien. Die von Minister Rauch im Standard angesprochene vermehrte Aufklärung muss man immer noch suchen. International beklagen sich Betroffene auch über die mangelnde Aufklärung seitens der Behörden. Ein Kritikpunkt ist auch, dass es keine Infos in einfacher Sprache oder für migrantische Communitys gibt. Selbst vom amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC), das für seine mittlerweile kontrafaktischen Empfehlungen zu Covid-19 im Netz kritisiert wurde, gibt es zielgruppenspezifische Infos.
In Berlin gibt es eine Infoseite und Flyer vom Landesamt für Gesundheit und Soziales Lageso. Vom deutschen RKI gibt es einen Flyer, in dem allerdings in keinem Wort erwähnt wird, dass MSM Männer das höchste Risiko trifft. Vom deutschen Gesundheitsministerium ist zwar auch ein Flyer im Umlauf – Stay safe! So schützen Sie sich vor übertragbaren Krankheiten! -, aber abgesehen von Abstand zu infizierten Personen finden sich zu Affenpocken hier keine Vorbeugemaßnahmen.

Auf Semiosis-Nachfrage verweist das österreichische Ministerium auf ihre Infoseite und den Austausch mit Interessensgruppen und Aidshilfen, womit es offenbar seine Arbeit als getan sieht.

Surveillance & Datenlage

Wie sehr ist Österreich eigentlich betroffen? Mit Stand 22.08.2022 gab es in Österreich 217 Infizierte. Die Daten werden laut Auskunft des Gesundheitsministeriums einmal pro Woche aktualisiert. Es gibt hier nur die Zahl der Gesamtinfizierten. Ist das genug?

Zum Vergleich: New York City aktualisiert die Zahlen täglich, und schlüsselt diese nach Altersgruppe, Gender, sexueller Orientierung und weiteren Kriterien auf. Aus Großbritannien gibt es beispielsweise auch Zahlen zur Testpositivität je nach Geschlecht, womit die anekdotische Sorge, dass Frauen genauso getroffen sind wie Männer, derzeit noch widerlegt werden kann.

Infektiösität liege deutlich unter Covid-19

Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom beim Institut für höhere Studien, beschwichtigt im Semiosis-Gespräch:

Die Infektiösität ist deutlich unter Covid, somit ist eine Beobachtung mit dem üblichen Vorgehen bei ansteckenden meldepflichtigen Krankheiten ausreichend.

Von weiteren Daten erhofft er sich – angesichts der niedrigen Testzahlen und Anzahl der testenden Labore in Österreich – wenig. Ein allgemeines Screening existiert nicht.
Die AGES verweist auf Semiosis-Nachfrage wiederum darauf, dass angesichts der niedrigen Fallzahlen die Daten im Sinne des Datenschutzes nicht weiter aufgeschlüsselt werden.

Nicolodi wiederum merkt dazu an:

Die Infektionszahlen in Europa und global sinken gerade, die Perspektive lässt sich dennoch schwer abschätzen. Für eine Eindämmung sind vor allem geeignete Präventionsmaßnahmen notwendig.

Alarmismus ist wohl keiner angesagt. Handeln aber dringend notwendig.


Steckbrief Affenpocken

Affenpocken ist ein Virus der Orthopoxviren. Im Vergleich zu dem Pockenvirus wird er als mildere Variante gesehen, da er seltener zum Tod führt. Die Erkrankung ist aber sehr schmerzhaft, kann zu operationsbedürftigen Läsionen, und zu Sehstörungen führen. Die Inkubationszeit beträgt 6 – 21 Tage. Neben den pockenartigen Hautveränderungen zeigen sich unspezifische Syptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Erschöpfung und angeschwollene Lymphknoten.
Beim derzeitigen Ausbruch finden sich nur wenige Pusteln (3-12) am Körper, die meisten konzentrieren sich am Ort der Infektion.
Bei Verdacht ist Kontakt mit der 1450, Hausärztin, HIV- oder PrEP-Behandlerin oder Dermatolog*in aufzunehmen. Es empfiehlt sich auf Hautveränderungen zu achten, und offen über die (sexuelle) Gesundheit zu sprechen, sowie bei neuen Dates Kontaktdaten auszutauschen. Damit Impfungen zur Postexpositionsprophylaxe angewandt werden können, müssen sie nämlich früh genug angewandt werden.

Von Gastautor

Ein Gedanke zu „Affenpocken: Schon wieder total überrascht und nichts gelernt?“

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