Vom „Pizza-Kanzler“ zum „Witze-Kanzler“ – Zur Integration politischer Satire in die politische Markenbildung

Christian Kern in Willkommen Österreich

Nach dem breit rezipierten Pizza-Video landet SPÖ-Chef Christian Kern seinen nächsten großen Medien-Coup. Mit tatkräftiger Unterstützung des ORF. Sein jüngster Auftritt in einem satirischen Video-Gag der Sendung Willkommen Österreich stößt in den sozialen Medien auf helle Begeisterung. Eine kritische Betrachtung von Gastautor Klemens Herzog.


Das Video zeigt eine fiktive Sendungsvorbereitung der Komiker Stermann und Grissemann. Die einleitenden Witze sollen zuerst vom Chef abgesegnet werden. Diesen „Chef“, in Anspielung auf den sogenannten „Rotfunk“, mimt Bundeskanzler Kern. Der ist so gar nicht begeistert über einen Pizza-Witz auf seine Kosten und streicht ihn im Handumdrehen aus dem Programm.

Das Facebook Video von Willkommen Österreich geht viral. Auch Kern selber teilt das Video auf seiner Facebook-Seite

Willkommen Österreich, Folge 360

Anlässlich des Jubiläums gewähren Stermann und Grissemann Einblicke in die Entstehung ihrer Sendung. Wie kommen die treffsicheren Pointen zustande und wer entscheidet, was lustig ist und was nicht?Willkommen Österreich, Folge 360:http://willkommen-oesterreich.tv/pl.php

Posted by Willkommen Österreich on Dienstag, 30. Mai 2017

Witzig – wie wir

Das ist auf den ersten Blick einfach ein mehr oder weniger witziges Video – Humor liegt ja ähnlich wie die Schönheit im Auge des Betrachters. Dennoch verrät das Video einiges über Kerns Kommunikationsstrategie. Über sich selbst lachen können: Ein politisches Asset, das gut ankommt. Das spiegeln zumindest viele Facebook-Reaktionen auf das Video wieder.

Jubel von Kern Fans auf Facebook
Kern Fans: „Toll gemacht“

Der Witz für Willkommen Österreich funktioniert dabei nur durch den Rekurs auf das durchaus ernst gemeinte Pizza-Video. Sebastian Reinfeldt und Christoph Ulbrich haben dieses in einem früheren Blog-Eintrag als ein Paradebeispiel für gescriptete Realität und inszenierte BürgerInnennähe in der Post-Demokratie kritisiert.

Für jede Zielgruppe das passende Video

Mit Kerns breit rezipiertem Pizza-Video als Ausgangspunkt entsteht eine interessante Konstellation. Diese kann man im weitesten Sinne als ausgeklügelte Zielgruppenkommunikation beschreiben. Mit dem ursprünglichen Video werden die angesprochen, die tatsächlich an Kerns Inszenierung als bürgernaher Pizzabote glauben. Mit dem Gag bei Willkommen Österreich wird eine andere Zielgruppe bedient: Jene, die ihm diese Inszenierung ohnehin nicht abkauften. Aus der ernst gemeinten Inszenierung für die eine Zielgruppe wird ein Witz für die andere.
Man könnte es auch als verlogen bezeichnen, dass jene Inszenierung, die für die breite Masse als gut genug angesehen wird, für das tendenziell studentische, bildungsbürgerliche Publikum von Willkommen Österreich als gelungener Schmäh verkauft wird. Die einen haben was zum dran glauben, die anderen zumindest was zum Lachen. Auch wenn mit beiden Videos Authentizität vermittelt werden soll, zeigt die Gegenüberstellung gut, dass genau diese als erstes auf der Strecke bleibt. Wer ist unser Kanzler nun? Einer, der sich in das ausgebeutete Prekariat hineinversetzt und den Abstiegssorgen der Mittelschicht verständnisvoll lauscht? Oder einer der sich über ebendiese Inszenierung lustig macht?

Staatsmann vs. Spaßvogel?

Was politische Satire kann und darf, darüber wird viel gestritten. Nicht erst seit Böhmermanns Erdogan-Gedicht. Beispiele wie John Olivers Last Week Tonight (HBO), Die Anstalt (ZDF) oder die heute-show (ZDF) zeigen, dass Satiresendungen oder Politkabarett eine immer wichtigere Rolle in der  politische Informationsvermittlung spielen. Auch die Tagespresse liefert überspitzte und dennoch pointierte Abrisse der österreichischen Politik. Gerade für jüngeres Publikum sind diese oder ähnliche Formate wichtige Anlaufstellen, um das politische Geschehen einzuordnen. Mit der zunehmenden massenmedialen Bedeutung politischer Satire, stellt sich auch für Parteien und PolitikerInnen die Frage: Wie gehen wir damit um? Im aktuellen Dreikampf um das Bundeskanzleramt lassen sich dabei deutliche Unterschiede erkennen.

Kerns Auftritt bei Willkommen Österreich ist bereits Teil seiner Wahlkampf-Inszenierung. Er grenzt sich mit seiner selbstironischen Kooperation mit der Satire deutlich von seinem Gegenspieler Sebastian Kurz ab. Der legt höchsten Wert auf staatsmännisches und seriöses Auftreten. Von Selbstironie keine Spur. Dem entsprechend verwundert es nicht, dass Kurz sich den Fragen des ORF-Spaßvogels Peter Klien – mal mehr, mal weniger elegant – entzieht. Etwas, das nicht einmal der britischen Thronfolger Prince Charles zustande brachte.

Wenig verwunderlich ist es auch, dass ebendieses Verhalten von Kurz vom roten Unzensuriert-Verschnitt politiknews.at genüsslich ausgeschlachtet wurde. Ein bloßes Vorbeigehen und Ignorieren von Kurz wird zur „panischen Flucht“ umgedichtet. Diese mediale Begleitung durch die „Owned Media“ der SPÖ zeigt, dass die selbstironische Inszenierung Kerns kein Zufall ist. Sondern ein strategische lanciertes Abgrenzungsmerkmal zu Kurz.

Austrias Next Bundeskanzler

Bemerkenswert ist, dass diese Abgrenzung zum politischen Mitbewerber zunehmend über vermeintliche Charaktermerkmale (witzig – nicht witzig) kommuniziert wird. Dafür immer weniger über inhaltliche Positionierungen. Politik wird zur permanenten Show, zum massenmedial übertragenen Gladiatorenkampf. Wer bleibt im Big-Brother-Container am Ballhausplatz und wer fliegt? Politik ist längst eingebettet in einer Gesellschaft des Spektakels, die für jede noch so kleine menschliche Regung die dazu passende massenmediale Begleitmusik komponiert. Abnehmen bei „Der Speck muss weg“, den Partner fürs Leben kennenlernen bei „Bachelour“ oder groß rauskommen bei der „Großen Chance“. In dieses Bild passt auch Kerns (und nicht nur seine) Kommunikationsstrategie: Für das massenmediale Publikum gut verdauliche Politik-Häppchen sollen schlussendlich zum Erfolg beim finalen Publikums-Voting führen. Während die Inszenierung von Kerns Plan A noch von Inhalten mitgetragen wurde, geht man nun einen Schritt weiter auf die Inhaltslosigkeit zu: Der Herr Kern ist ein netter und symphytischer Typ, der über sich selbst lachen kann. Der Kurz ein spaßbefreiter Schnösel. Da sollte einem die Wahl ja nicht schwer fallen.

Willkommen Österreich als „witzige Sozialpartnerschaft“

Der kommunikationsstrategisch gelungene Gag ist jedoch nicht nur aus Kerns Perspektive bemerkenswert. Interessant wäre auch, was sich die ProduzentInnen bei Willkommen Österreich dabei gedacht haben. Eine Funktion der politischen Satire ist seit jeher die Kritik an den Mächtigen und Herrschenden. Genau dies wird durch den Gag jedoch nicht geleistet. Statt Kritik an Kern zu äußern, liefert das Video genau jenes Gerüst, das für die Heldenerzählung Kerns als authentischer, selbstironischer und menschlicher Politiker notwendig ist. Der politischen Satire wird der Stachel der Kritik gezogen, indem genau jene Geschichte erzählt wird, die sich Kerns PR-Abteilung wüncsht – sonst hätte er ja auch nicht mitgemacht. Die Darstellung Kerns als Chef des „Rotfunks“ wird dadurch unfreiwillig doppeldeutig.

Willkommen Österreich liefert so ein Lehrbuchbeispiel wie politische Satire eben nicht funktionieren kann und soll. Das Ganze ist eine Steilauflage zur Befriedung und Integration politischer Satire in die weitgehend inhaltslose Selbstdarstellung und Markenbildung eines Politikers. Eine Art „witzige Sozialpartnerschaft“, die Konflikte nur soweit zulässt und austrägt, wie sie den jeweiligen Interessen dienlich sind. Und das hat gut funktioniert: 330.000 Mal wurde das Video 16 Stunden nach Veröffentlichung bereits angeehen. Eine Win-win-Situation für die Marken „Willkommen Österreich“ und „Christian Kern“.

Die wirklich wichtigen Dinge passieren außerhalb der Inszenierung

Möglichen Stoff für tatsächliche Politiksatire liefert die Regierung Kern indessen zur Genüge. Dass unter einen roten Kanzlerschaft Abschiebungen nach Afghanistan durchgeboxt werden, ist ein unverzeihlicher Bruch mit humanitären Mindeststandards. Gerade heute ereignete sich im angeblich sicheren Kabul wieder ein Sprengstoffanschlag mit mindestens 80 Toten und 350 Verletzten. Eine unbestimmte Anzahl afghanischer AsylwerberInnen sitzt in österreichischen Schubhaftgefängnissen und wartet unter psychischen Höllenqualen auf ihre Abschiebeflüge. Aber hey, hier habt ihr ein witziges Video. Schaut mal wie selbstironisch unser Bundeskanzler ist.

1 Kommentar

  1. „Gerade heute ereignete sich im angeblich sicheren Kabul wieder ein Sprengstoffanschlag mit mindestens 80 Toten und 350 Verletzten.“

    Traurig, aber in Manchester ereignete sich erst letzte Woche ein Sprengstoffanschlag mit 22 Toten und 116 Verletzten. Müssen wir uns nun auf Asylbewerber aus Großbritannien einstellen, um einen „unverzeihlichen Bruch mit humanitären Mindeststandards“ zu vermeiden?

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