Und alles nur wegen einer Dummheit?

Das sind schon neue Töne der rechtspopulistischen FPÖ, die sie in ihrem aktuellen Wahlkampfspot anschlägt. Die Szenerie ist irritierend: Norbert Hofer und ein Schauspieler, der Sebastian Kurz verkörpert, sitzen in der Paartherapie: wegen Ibiza, dieser angeblichen „Dummheit“. Eine Analyse einer erneuten postdemokratischen Inszenierung der FPÖ von Sebastian Reinfeldt.


Norbert Hofer und Sebastian Kurz, zwei Männer, sitzen also in einer Paartherapie. Diese Szene könnte sich eine Kabarettistin ausgedacht haben. Sie ist aber aus einem Wahlwerbespot der FPÖ. Das ist auf den ersten Blick überraschend für eine rechtspopulistische Partei. Dass zwei Männer offen eine Beziehung leben, das gehört  ansonsten zu ihrem Standard-Horrorszenario. Die FPÖ steht ja auf heteronormative Familien. Auf den zweiten Blick allerdings überrascht das Video weniger. Ihm liegt jedenfalls ein grundlegender populärer Vergleich zugrunde, dass nämlich eine politische Koalition mit einer Liebesbeziehung verglichen werden könne.

Ist eine politische Koalition wie eine Ehe?

Eine politische Koalition sei mit einer Ehe gleichzusetzen. Das ist die Ausgangssituation des neuen FPÖ-Spots. Diesen Vergleich liest und hört man in der medialen Diskussion oft. Aber er ist natürlich sachlich falsch. Es ist allenfalls ein Bild, das ich aber wenig brauchbar finde. Denn in einer Liebesbeziheung geht es im Kern um Liebe und Begehren und um die Frage, wie zwei Menschen ihr Leben miteinander verbringen wollen. Sicher geht es auch um verschiedene Interessen, auch darum, wie miteinander geredet wird, um Verständnis und so weiter. Doch ohne Liebe und Begehren ist das alles nix. In der Politik hingegen geht es um einen Ausgleich von Interessen. Eine Regierungskoalition tariert Kräfteverhältnisse (Wahlergebnis, Interessensgruppen, Karrierewünsche, Zugang zur Macht) so aus, dass gemeinsame politische Vorhaben definiert und – zumeist gegen Widerstände – realisiert werden können. Das ist bestenfalls mit arrangierten Ehen vergleichbar. Diese werden aber im Krisenfall nicht vor einer Paartherapeutin sitzen.

Die Koalition schnell erzählt

Warum wurde denn dieser Vergleich gewählt? Das Setting des Videos erlaubt es der FPÖ, die Geschichte der Koalition aus ihrer Sicht zu erzählen. Kurz ist darin nur ein Statist, von dem die Zusehenden den Rücken (wieder)erkennen sollen. Die Fragen beantwortet Hofer zuerst, der Kurz-Schauspieler kommentiert zumeist. Dieses Frage-Antwort-Spiel rahmt also die zu erzählende Geschichte ein: Eigentlich sei alles ganz harmonisch gewesen, man habe viel gemeinsam gehabt. Jeder habe seine Interessen durchsetzen können (Hofer etwa das Tempo 140, doch die ÖVP könne sich „auch nicht beschweren„). Allerdings, so merkt die Therapeutin an:

Sie beide haben eine großartige Beziehung, kommen gut miteinander aus, respektieren einander, haben dieselben Ideen. Wollen Sie das alles riskieren nur wegen …

Und die Männer sagen gemeinsam: „Ibiza“.

Die Ibiza-Affäre: Nur eine Dummheit

Auf diese Antwort kommt es an. Alles sei nur eine Dummheit gewesen. Warum sollte eine ansonsten angriffige rechtspopulistische Partei einen Wahlspot machen, in der die Szene einer Paartherapie nachgespielt wird? Um darin der Ibiza-Affäre eine Bedeutung anzuheften. Das sei eine Dummheit gewesen, die man verzeihen könne. Wie ein Fehltritt (eine Affäre!) in einer Beziehung. Tatsächlich wurde in der Villa auf Ibiza innerhalb einer Nacht einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte deutlich Angebote gemacht, sollte sie die FPÖ unterstützen wollen. Die Politik der FPÖ ist käuflich, so die Aussage des damaligen FPÖ-Chefs Strache. Alles im Rahmen der Gesetze natürlich. Das sei aber nur dummes Zeug gewesen, daher: Schwamm drüber!

Oft braucht es nur einen kleinen Schubser

Wir machen weiter

Es ist also mehr als nur eine politische (Koalitions-)Option, die die FPÖ hier anbietet. Mit der FPÖ gehe die erfolgreiche Koalition weiter. Mit dem zuhörenden Hofer im Video geht das Weißwaschen der Ibiza-Affäre einher. Damit geht auch einher, dass diese Partei endlich den ganzen rechtsextremen Ballast loswerden möchte, der ihr in den zwei Jahren ja ebenfalls anhing. Die Fortsetzung der Koalition bringt daher wesentlich mehr als nur Machterhalt. Trotz Ibiza, trotz den Liederaffären und rechtsextremen Einzelaffären wird die FPÖ eine normale Partei werden. Eben: „Manchmal braucht es nur einen kleinen Schubser.

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