Ischgl: Kurier attackiert Platter mit bereits bekannten Fakten

Wir müssen reden. Über die Titelseite des Kuriers und dessen Inhalt. „Ischgl wusste früher Bescheid, schaute aber weg.“ Diese Headline prangt auf der ersten Seite der heutigen Ausgabe des Blattes. Weiter schreibt der Kurier: „Im Kitzloch wurde weitergefeiert – und angesteckt.“ Im Text zitiert das Blatt dann aus E-Mails, die Bezirkshauptmann Markus Maaß und Landeshauptmann Günther Platter erhalten und versendet haben. Ihr Inhalt: In Tirol wurden die Corona-Infektionen vertuscht, um das Tourismusgeschäft am Laufen zu halten. Nur: Diese Mails sind seit Monaten bekannt. Nicht nur der Semiosisblog hat sie veröffentlicht. Profil und der ORF in der Zeit im Bild ebenso. Daher wirft der Artikel grundlegende Fragen auf: Warum ausgerechnet jetzt diese Attacke auf die Tiroler Landesregierung? So lautet die eine. Und was tun die drei prominenten Journalisten des Kuriers da? Nach einer sorgfältigen Recherche schaut es jedenfalls nicht aus.


Die Ischgl-Mistsäcke

Am 14. März 2020 erscheint auf diesem Blog der erste Beitrag mit kritischen Fragen in Richtung Ischgl und Tirol: Die Ischgl-Mistsäcke wussten seit langem um massivste Verdachts-Fälle. Im Zuge unserer weiteren Recherchen konnten wir anhand der internen Mail-Kommunikation, mithilfe von Polizeiprotokollen, Fotos, Berichten von Betroffenen und Aussagen der Verantwortlichen vor der Tiroler Expertenkommission belegen, dass und wie die Behörden in Tirol und in Wien fahrlässig gehandelt haben. Für uns steht, jenseits strafrechtlicher und zivilrechtlicher Bewertungen, fest: Hätten die Behörden im März 2020 schnell und sachgerecht gehandelt, hätten tausende COVID-19-Infektionen verhindert werden können. Es gilt auch hier die Unschuldsvermutung.

#ischglfiles

Doch wer genau sind „die“ Behörden? Seit Beginn der öffentlichen Kritik an Ischgl beobachten wir das allseits beliebte Behörden-Pingpong: Wir waren’s nicht, wir haben alles richtig gemacht, so schallt es aus den Presseabteilungen der Tiroler Landesregierung, des Bundeskanzleramtes und des Gesundheitsministeriums. Unsere Erklärung der Ereignisse lautet: Das Zusammenspiel von profitgierigen Touristikern in Tirol, unfähigen Verantwortlichen im selben Bundesland und dem mediengeilen Bundeskanzleramt hat die Infektion von rund 11.000 Menschen weltweit mit der typischen Ischglvariante von SARS-COV2 bewirkt. Daher sprechen wir auch von einem Multi-Organversagen der Behörden. Dieses kann anhand unserer #ischglfiles für jeden schicksalhaften Tag im März 2020 nachgelesen werden. Diese Sammlung enthält auch die Mails, aus denen im heutigen Kurier-Artikel ‚exklusiv‘ zitiert wird. Sie stehen bei uns seit März 2021 online.

Eine türkise Retourkutsche

Hat der Kurier deinen Blog abgeschrieben?,

fragt ein Semiosis-Leser über unseren Datenbriefkasten besorgt nach. Das wäre gar nicht mal so schlimm. Denn wir verstehen unsere Arbeit als Open Source. Sie soll so vielen wie möglich zugänglich sein, weil es gesellschaftspolitisch so unendlich wichtig ist, dass recherchierte Informationen allen Menschen offen stehen. Darin besteht die Kernaufgabe von Medien, die wir zu erfüllen versuchen.

Unser Leser argumentiert in seinem Brief aber weiter:

Ich erblicke in der Veröffentlichung eine türkise Retourkutsche gegen den „Verräter“ Platter. Dem Kurier wird es willkommen sein, einmal nicht über die momentane Causa Prima berichten zu müssen, und anstatt des Gesalbten jemand anderen in die Schusslinie zu bringen.

Ist die Wahrheit wirklich eine Tochter der Politik?

Diesen Eindruck bekam ich ehrlich gesagt beim Lesen des Kurier-Textes auch. Der Text präsentiert keine neuen Fakten. Der Satz

wie dem KURIER zugespielte neue Dokumente zeigen,

ist sogar schlicht falsch. Die Dokumente sind bereits bekannt und in unserer Sammlung #ischglfiles für den 5. März und den 7. März 2020 wortwörtlich und mit Screenshots dokumentiert. Hier sind die Links dazu:



Der gesamte Text wirkt wie eine bestellte türkise Retourkutsche. Und das von einem Blatt, in das Kurz-Intimus Rene Benko im November 2018 finanziell eingestiegen ist. Benkos Signa Holding besitzt 49 Prozent bei der WAZ Ausland Holding GmbH, die wiederum über die deutsche Funke-Gruppe 50 Prozent an der Krone und fast die Hälfte am Kurier hält.

Auch wenn der Kern des Textes korrekt ist: Aufmachung und Präsentation lassen eher das Wirken des Systems Kurz erkennen als aufwändige journalistische Recherchen.

Keine Konsequenzen im politisch-medialen Block?

Damit wiederum sind wir bei den unangenehmen Fragen an uns Journalist*innen, die sich hinsichtlich des Beinschab-Österreich-Tools stellen. Damit bezeichnet die WKStA in ihren Ermittlungen zum System Kurz die Manipulation der öffentlichen Meinung durch eine Verzahnung von politisch gesteuerter Meinungsforschung mit willigem Journalismus. Gesetzt den Fall, die Kollegen (es sind alles Männer) beim Kurier haben diese Mails erst jetzt zugespielt bekommen und einfach ‚vergessen‘ zu recherchieren, ob das alles schon längst bekannt ist: Warum stellen sie nicht die naheliegende Frage: Wer gibt uns das jetzt – und warum? Welches politische Interesse steckt dahinter?

Und weil sie diese Frage nicht beantworten oder weil sie keine Konsequenz aus der Antwort ziehen (nämlich weiter zu recherchieren), ballern sie einfach auf die Schnelle einen Artikel raus. Ein Artikel, der dem System Kurz nutzen und dem schwarzen Platter schaden soll. Mit Journalismus hat das aber nix zu tun. Der Artikel ist, sorry to say, eine einzige politische Auftragsarbeit.


Dokumentation: Der Kurier-Text

Da der angesprochene Text beim Kurier hinter einer Paywall steckt, dokumentieren wir ihn in seinen wesentlichen Auszügen hier:

Corona-Skandal: Ischgl wusste früher Bescheid, schaute aber weg

Die Behörden bis hin zum Landeshauptmann hatten viel früher als bisher bekannt Hinweise darauf, dass der Corona-Ausbruch im Après-Ski-Lokal Kitzloch entstanden ist.

von Dominik Schreiber, Christian Willim, Kid Möchel

„Der einzige gemeinsame Ort, an dem wir am Freitag waren, war Ketzlock Après Ski.“ Viel deutlicher hätte der Hinweis auf das Kitzloch in Ischgl als möglicher Super-Spreaderort nicht mehr sein können. Offiziell ist bisher bekannt, dass eine isländische Reiseleiterin am Freitagabend (6. März 2020) in einem Mail an die Polizeiinspektion Ischgl darauf hinweist, dass zehn coronainfizierte Urlauber aus ihrer Gruppe in dem Après-Ski-Lokal zu Gast waren. Das ist so sogar im offiziellen Ischgl-Bericht zu lesen.

Doch diese Darstellung dürfte wohl nicht alles sein, wie dem KURIER zugespielte neue Dokumente zeigen.

Demnach traf die oben genannte Information bereits am Donnerstagabend beim Tourismusverband Paznaun-Ischgl ein und wurde am Freitag in der Früh weiter geleitet – an das Büro von Tirols Landeshauptmann Günther Platter, den Landesamtsdirektor und das Büro für Öffentlichkeitsarbeit.

Gemeinsam im Kitzloch

Spätestens am Freitag hätte man das Kitzloch also schließen können. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 14 Fälle isländischer Ischgl-Urlauber, die nach ihrer Rückkehr in die Heimat positiv getestet wurden. Die Personen wohnten in unterschiedlichen Hotels, zumindest zehn der Erkrankten waren im Kitzloch, wie durch das Mail bekannt sein sollte.

Spätestens Freitagmittag müssten die Tiroler Behörden dann auch wissen, dass die Theorie einer Infektion der Isländer im Flugzeug nicht haltbar sein kann. Da liegt den Verantwortlichen eine Liste mit allen Namen der Isländer vor, aus der ersichtlich wird: Die Infizierten reisten an unterschiedlichen Tagen und hatten teilweise schon in Ischgl Symptome. Das Kitzloch öffnet dennoch am Freitagabend wieder seine Pforten. Im Mega-Infektionsherd geht die Party weiter. Unter den Gästen ist ein 65-jähriger Elektronikfachmann. Er erkrankt so schwer, dass er heute unter Long Covid leidet. Zuvor lag er sechs Wochen im Koma auf der Intensivstation.

Von der Gefahr, der sich die Feiernden an diesem Abend aussetzten, wussten sie nichts. Die Behörden spielten weiter die Karte von der Ansteckung im Flugzeug. Genauso wurde es auch über die Öffentlichkeitsarbeit verbreitet. Bereits bekannt ist, dass der für Ischgl zuständige Landecker Bezirkshauptmann Markus Maaß sich in einer Mail an Landesamtsdirektor Herbert Forster am 5. März zunächst erfreut über die Flugzeugthese zeigte: „Dann hätten wir Ischgl vorerst aus dem Schussfeld.“

(…)

Kurier, 14.10.2021

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