Das Wiener Rot-Blaue Zeitungsexperiment: frei Haus

Rot-Blaue Allianzen am Gratiszeitungsmarkt

„Ab sofort erleben wir eine gigantische Schlacht ums Parlament“, schreibt „Das Wien“ – Herausgeber Heinz Knapp in seinem Editorial für die neue Gratis-Monatszeitung. Diese flatterte in den letzten Tagen mit einer Auflage von über einer Millionen Stück in alle Wiener Haushalte. Was Knapp seinen Lesern und Leserinnen verschweigt: Seine Zeitung selbst ist nichts anderes als ein Bestandteil dieser gigantischen Schlacht. Denn es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet fünf Wochen vor der Wahl, ein neues Gratis-Millionenblatt auftaucht. Ein genauerer Blick in die Zeitung lässt massive Zweifel an der versprochenen „Unabhängigkeit“ aufkommen und liefert einen Ausblick auf mögliche Rot-Blaue Allianzen nach dem 15. Oktober. Eine Recherche von Klemens Herzog.


“Parteiübergreifend” – doch mit SPÖ-Stallgeruch

Es zeugt von Chuzpe, „Das Wien“ den Lesern und Leserinnen als politisch unabhängig anzupreisen. Denn bereits sein Chefredakteur Alexander Rinnerhofer, ist kein unbeschriebenes Blatt. Bereits im EU-Wahlkampf 2014 initiierte Rinnerhofer das Personenkomitee für den SPÖ-Spitzenkandidaten Eugen Freund. Im Herbst 2015 koordinierte er die „Initiative für mehr Zusammenhalt in Österreich“, die trotz selbsternannten „parteiübergreifenden“ Anspruch, doch nur die üblichen FürsprecherInnen der SPÖ sammelte. Unter dem ehemaligen SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Faymann-Vertrautem Gerhard Schmid kümmerte er sich, wie Rinnerhofer selbst auf seiner Website angibt, um „Kommunikationsstrategien, Veranstaltungen, Neue Medien und Videoproduktion“. Rinnerhofers LinkedIn-Profil weist nach wie vor die „SPÖ Bundesgeschäftsstelle“ als aktuellen Arbeitsgeber aus.

Nach dem Partei-Job wird eine PR-Agentur gegründet

Ein Blick auf die „Website“ von AR Media
Ein Blick auf die „Website“ von AR Media

Mit dem Wechsel von Werner Faymann zu Christian Kern auf der Spitzenebene und von Gerhard Schmid zu Georg Niedermühlbichler auf der Ebene der Bundesgeschäftsführung Mitte 2016, dürfte wohl auch Rinnerhofers Abgang von der SPÖ-Bundesgeschäftsstelle besiegelt gewesen sein. 2017 gründete er die Agentur AR MEDIA, die sich laut Eigenangaben auf „PR, Medienproduktion und Events“ spezialisiert. Eben diese AR Media wird im Impressum von „Das Wien“ als redaktionell Verantwortliche angeführt.

Würden sie dieser PR-Agentur ihre PR oder gar unabhängigen Journalismus anvertrauen? Kommunikation ist der wichtigste Baustein des Erfolges? Das mag sein, aber die „richtigen“ Beziehungen schaden offenbar auch nicht.

Nur Mikrofonhalter-Interviews

Natürlich muss ein vergangenes politisches Naheverhältnis eines Chefredakteurs nicht zwangsweise dazu führen, dass unabhängiger Journalismus mit Parteipropaganda verwechselt wird. Ein genauerer Blick auf die Inhalte von „Das Wien“ bestätigt jedoch die Befürchtungen. Auf ganzseitige Interviews mit Wiens Noch-Bürgermeister Michael Häupl und Bundeskanzler Christian Kern folgen Interviews mit FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache und dem Wiener FPÖ-Vizebürgermeister Johann Gudenus. Wer sich von diesen Interviews kritische Fragen oder neue Erkenntnisse erhofft, wird enttäuscht. Im Medienbetrieb werden solche Interviews auch als Mikrofonhalter-Interviews bezeichnet. Denn eigentlich bräuchte es dafür keinen Journalisten, sondern bloß ein Mikrofon. Die Positionen der Interviewten werden unhinterfragt wiedergegeben, die Fragen wirken teilweise wie aufgelegt.

Mikrofonhalter-Interviews
Im Medienbetrieb werden solche Exemplare als Mikrofonhalter-Interviews bezeichnet

Als Füllmenge zwischen den Interviews fungiert das Übliche: Gesundheit, Sport, Tiere, Kulinarik, Kultur, Gewinnspiele, Kreuzworträtsel und Grätzelgeschichten. Wo es thematisch nur irgendwo reinpasst, natürlich mit Nennung von SPÖ-PolitikerInnen.

Wenn’s um Tiere geht, kann Ulli Sima nicht weit sein

Tiergeschichten
Wenn’s um Tiere geht, ist Ulli Sima nicht weit

Während die großflächigen Interviews sofort ins Auge stechen, lohnt sich auch ein Blick auf die Zitierpraxis in den Lokalgeschichten: Hier kommen Bezirkspolitiker der SPÖ überdurchschnittlich oft zu Wort: Unter anderem Ernst Nevrivy – SPÖ-Bezirksvorsteher in der Donaustadt, Hannes Derfler – SPÖ-Bezirksvorsteher in der Brigittenau, Franz Prokop – SPÖ-Bezirksvorsteher in Ottakring und Susanne Schaefer-Wiery – SPÖ-Bezirksvorsteherin in Margareten. Auch der einzige FPÖ-Bezirksvorsteher, der Simmeringer Paul Stadler, kommt mit Zitat und Bild vor. Mit Markus Figl kommt ein ÖVP-Bezirksvorsteher vor. Die ÖVP stellt indes vier BezirksvorsteherInnen. BezirkspolitikerInnen der Grünen, werden trotz Lokalgeschichten über Währing und der Leopoldstadt (wo die Grünen die Bezirksvorsteherin stellen) nicht zitiert.

Parteipropaganda auf Steuerzahlerkosten

Nun stellt sich natürlich die Frage, wer diese politisch gefärbten Informationen bezahlt. Die Rechnung für Druck- und Versandkosten für eine Millionenauflage muss schließlich auch irgendwer begleichen. Wie am Gratiszeitungsmarkt üblich springt dafür zu guten Teilen der Steuerzahler ein. Mittels Inseraten von öffentlichen und halböffentlichen Stellen mit teils fragwürdigem Informationsgehalt wird die Finanzierung sichergestellt. Die Stadt Wien (und von ihr ausgelagerte Unternehmen wie die Wiener Linien, Wien Energie und die Wien Holding) schalten insgesamt vier ganzseitige Inserate. Listenpreis ohne Mehrwertsteuer und Werbeabgabe: 59.960 Euro. Finanzministerium, ÖBB und Post inserieren ebenfalls für insgesamt 59.960 Euro. Also gut 120.000 Euro, die von öffentlichen Stellen für Inserate an „Das Wien“ fließen und damit das Erscheinen erst ermöglichen. Inserate von SPÖ und FPÖ ergänzen das Erscheinungsbild der Zeitung – ein rot-blaues Potpourri, das nur wenig mit Journalismus zu tun hat.
Dieses Machwerk als „unabhängig“ anzupreisen, ist eine Beleidigung gegenüber allen Journalisten und Journalistinnen, die ihre Unabhängigkeit tatsächlich ernst nehmen. Vermeintlich selbstkritisch fragt Chefredakteur Alexander Rinnerhofer in seinem Kommentar zur Neuauflage seiner Monatszeitung:

Muss denn das wirklich sein?

Und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Nein.


P.S.: Wer sich selber ein Bild von dieser Dreistigkeit bilden will, kann die erste Ausgabe von „Das Wien“ auch online begutachten: http://das-wien.at/


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