Offener Brief: Prekäre Verhältnisse in der Erwachsenenbildung

Grammatiktafel DafDaz

Seit Jahren wird über die Deutschkurse diskutiert. Mit staatlicher Förderung sollen sie ein entscheidender Baustein zur Integration sein. In der Regel geht es dabei um ihre Finanzierung und ideologische Aufladung mit „Werten“. Außen vor bleiben die Arbeitsbedingungen der dort Lehrenden. Diese klagen nun zum wiederholten Mal über die miserablen Arbeitsbedingungen in einer Branche, die angeblich so wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft sei. Wir dokumentieren einen offenen Brief einer Selbstorganisation der Deutsch-Lehrenden.


Die Sprache ist entscheidend – wirklich?

Wir Deutschlehrende in der Erwachsenenbildung, einer Branche mit mehrheitlich weiblichen Angestellten, leisten einen wichtigen Beitrag in der Gesellschaft:
Globalisierung und Migrationsbewegungen stellen unsere Gesellschaft vor zunehmende Herausforderungen. Eine gelungene Integration der Zugewanderten ist ausschlaggebend für den gesellschaftlichen Frieden und wirtschaftlichen Erfolg Österreichs. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist und bleibt, so der allgemeine Konsens, die Sprache.

Realität: Überlastung und prekäre Arbeitsverhältnisse

Leider fehlen uns derzeit, trotz großen persönlichen Engagements, die entsprechenden Rahmenbedingungen, um den Deutschkursen, die derzeit mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, auch zum bestmöglichen Erfolg zu verhelfen. Statt die oft hochmotivierten Lernenden bei ihrem Spracherwerb angemessen und professionell begleiten zu können, kämpfen wir mit Überlastung und prekären Arbeitsverhältnissen. Dabei opfern wir oft das Wohl unserer Familien, unsere Gesundheit und gehen das Risiko von Altersarmut ein. Unter den suboptimalen Lernbedingungen leiden vor allem viele Frauen, für die aufgrund mangelnder sozialer Kontakte unsere Deutschkurse oft die einzige Möglichkeit sind, die Sprache angemessen zu erlernen.

Höhere Anforderungen, die nichts kosten

Wir weisen darauf hin, dass in allen aktuellen Ausschreibungen ein abgeschlossenes Hochschulstudium verlangt wird und dass diese Anforderungen in den letzten Jahren sukzessive erhöht worden sind. Trotz dieser Tatsache wird diese Arbeit keineswegs entsprechend der geforderten akademischen Ausbildung bezahlt.

Altersarmut bei den Unterrichtenden

Was überdies zur Altersarmut beiträgt, ist die Tatsache, dass Lehrende mit viel Berufserfahrung selten über Stufe 3 des Verwendungsbereichs 4a des BABE-Kollektivvertrags hinauskommen, da uns nur in seltenen Fällen Institute durchgehend so viele Jahre beschäftigen, sodass wir in die nächsthöheren Stufen aufsteigen könnten. Überhaupt sieht der Kollektivvertrag nur eine Anrechnung von max. 5 Jahren Vordienstzeiten vor. Wir werden im Kollektivvertrag wie Nicht-AkademikerInnen behandelt, obwohl die meisten von uns einen adäquaten Studienabschluss vorweisen können und durch Studienzeiten viele Pensionsjahre verloren haben. Trotz höherer Qualifikation werden viele von uns am Ende mit einer so geringen Pension dastehen, sodass wir davon nicht leben werden können. Man wird durch ein Studium und durch die Tätigkeit als DeutschlehrendeR in der Erwachsenenbildung daher ärmer als wenn man nicht studiert und gleich nach der Matura zu arbeiten begonnen hätte.

Insofern ist dieses System sowohl frauen- als auch bildungsfeindlich. Die Notwendigkeit, zusätzliche Gender-Mainstreaming und Diversitätszertifikate vorzuweisen, wirkt insofern zynisch, als man in dieser „Frauenbranche“ durchaus von struktureller Gewalt sprechen kann.

Ein „Stundendeputat“ von mehr als 30 Stunden in den Klassen oder Kursen

Wir Deutschlehrende stehen in der Regel 30 Stunden und mehr in den Klassen. Im Gegensatz zu LehrerInnen an öffentlichen Schulen müssen die meisten von uns von Montag bis Freitag durchgehend 6 Stunden unterrichten, um einigermaßen über die Runden zu kommen und wer 30 Stunden/Woche in der Klasse steht und keine Ferien wie in der Schule hat, wird dennoch als TeilzeitangestellteR behandelt. Das bedeutet auch, dass ein wesentlicher Teil unserer Arbeit (Vor- und Nachbereitung) nicht bezahlt wird. Es muss jedem Menschen mit pädagogischen Basiskenntnissen klar sein, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, 30 Stunden Unterricht pro Woche (auf die Dauer ein Burnout-Job!) in 4 Stunden vor- und nachzubereiten und dass die 5 Wochen Urlaub nicht ausreichen, um sich zu erholen. Die Unterrichtstätigkeit unterscheidet sich, abgesehen von der Anzahl der SchülerInnen bzw. der Studierenden, kaum von der Tätigkeit eines Lehrers oder einer Lehrerin an einer öffentlichen Schule, weshalb Gehälter und Vor- bzw. Nachbereitungszeiten an die Arbeitsbedingungen an öffentlichen Schulen angepasst werden müssen. Nur so kann qualitativ hochwertiger Unterricht gewährleistet und Altersarmut vermieden werden.

Deutsch unterrichten ist auch Sozialarbeit

Neben unserem fachlichen Alltagsgeschäft stellt uns das breite Spektrum der Kursteilnehmenden vor besondere Herausforderungen: Lernende aus bildungsfernen Schichten, Menschen mit Traumata und psychischen und sozialen Problemen fordern ständig 100%ige Präsenz. Um sich nach einem solchen Arbeitstag noch auf Familienarbeit und Kinder zu konzentrieren, gehen viele an die äußersten Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit.

Dennoch reicht dieses Pensum nur für eine Teilzeitstelle mit einem Durchschnittsverdienst von ca. 1.600 € netto, denn anders als in den öffentlichen Schulen, in denen die Lehrkräfte mit rund 24 Stunden Unterrichtsverpflichtung eine Vollzeitstelle besetzen, gibt es bei den meisten Instituten in der Erwachsenenbildung keine angemessenen Vor- und Nachbereitungszeiten. Um das Arbeitspensum dennoch zu erledigen und qualitativ ansprechenden Unterricht zu bieten, arbeiten viele Lehrende unentgeltlich in der Freizeit, auf Kosten von Gesundheit und Familie.

Das AMS schafft unsichere Arbeitsverhältnisse

Die Vergabemodalitäten vor allem seitens des AMS führen zu unsicheren Arbeitsplätzen und verhindern notwendige Investitionen, da die Projekte nicht langfristig angelegt sind. Das Bestpreisprinzip zwingt zu Einsparungen auf Kosten der MitarbeiterInnen, was dazu führt, dass die Arbeit zunehmend verdichtet wird: Fachfremde und administrative Tätigkeiten müssen „nebenbei“ erledigt werden, die Zeit fehlt im Unterricht und hindert uns, unseren Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Dadurch, dass Lehrende verpflichtet werden, während der Kurszeit administrative Aufgaben zu erledigen und an Teamsitzungen teilzunehmen, werden auch die KursteilnehmerInnen teils um die ihnen zustehende Kurszeit gebracht und Lehrende geraten unter Druck, da sie zusätzlich den Anforderungen der Curricula gerecht werden und KursteilnehmerInnen gezielt auf Prüfungen vorbereiten müssen.

Arbeitsbedingungen müssen Ausschreibungskriterium sein

Es müssen bei der Vergabe von Aufträgen an die Institute etwa durch das AMS konkrete Vorgaben der AuftraggeberInnen hinsichtlich dieser Arbeitsbedingungen im Vorfeld gefordert und die Institute bezüglich deren Einhaltung in Qualitätskontrollen geprüft werden. Qualitativ hochwertiger Unterricht muss durch motivierte und kreative PädagogInnen, IntegrationsarbeiterInnen und SozialarbeiterInnen ermöglicht werden. Da die Erwachsenenbildung dem Spiel um Angebot und Nachfrage untersteht, verhindern Dumpingpreise eine adäquate Entlohnung. Eine Ausfinanzierung der Erwachsenenbildung könnte der Prekarisierung dieses gesellschaftlich enorm wichtigen Bereichs ein Ende setzen.


Wir Deutschlehrende in der Erwachsenenbildung wünschen uns daher Ihre Unterstützung.
Verein DiE – Deutschlehrende in der Erwachsenenbildung

3 Kommentare

  1. Die klassischen Einwanderungsländer bieten alle keine gratis Sprachkurse an. (Mit Ausnahme Kanada vielleicht, da aber auch nicht verpflichtend.) Warum auch? Ein bisschen was sollte man von den Einwanderern ja auch fordern, immerhin wollen die etwas vom Land, in das sie einwandern wollen.

    Was hier im Artikel mal wieder gekonnt durcheinander gewürfelt wird: Handelt es sich um illegale Migration oder um wirkliches Asyl (Schutz vor Verfolgung?) Wenn es sich um illegale Migration handelt: Warum sollte man Straftäter noch mit einem gratis Deutschkurs belohnen? Handelt es sich um wirkliche Asylanten: Asyl ist Schutz auf Zeit, da muss man die Sprache des Gastlandes nicht unbedingt beherrschen, um dort sicher zu sein. Natürlich kann man sie freiwillig lernen, wenn man möchte.

    So macht dieser Artikel eher den Eindruck, als würden die DAF-Trainer noch vielmehr am Kuchen der Asylindustrie mitnaschen wollen.

  2. Es wird durcheinander gewürfelt? Deutschlehrende wollen an der Asylindustrie mitnaschen? Wer versteht denn sowas?
    Wir haben studiert, um unsere Kenntisse weiterzugeben! Warum sollen wir dafür schlecht bezahlt werden? Warum sollen wir als Unterrichtende drei Jobs gleichzeitig machen?
    Das sind aktuelle Probleme.

    Das andere ist eine ideologische Frage, worüber sich immer trefflich streiten lässt: Sind wir eine Gesellschaft, die ihren Reichtum teilt und auf ihre sozialen Errungenschaften stolz ist oder regiert nur noch der Egoismus der Reichen? Das ist wohl eine Gewissensfrage, die jedeR für sich selbst entscheidet.

    1. Wir haben studiert, um unsere Kenntisse weiterzugeben! Warum sollen wir dafür schlecht bezahlt werden? Warum sollen wir als Unterrichtende drei Jobs gleichzeitig machen?

      Der Markt bestimmt nunmal Angebot und Nachfrage. Wenn sie etwas studiert haben, was am Markt nicht so recht nachgefragt wird, wieso sollte diese Tätigkeit dann von der Allgemeinheit alimentiert werden?

      Sind wir eine Gesellschaft, die ihren Reichtum teilt und auf ihre sozialen Errungenschaften stolz ist oder regiert nur noch der Egoismus der Reichen? Das ist wohl eine Gewissensfrage, die jedeR für sich selbst entscheidet.

      Nette Suggestionsfrage… Ich hätte da eine Gegen(-suggestions-)frage: Sind wir eine Gesellschaft, die für die ganze Welt Sozialamt und Krankenversicherung spielen will (und daran so sicher wie das Amen im Gebet zerbrechen wird), oder sind wir eine Gesellschaft, die nicht suizidal mit Vollgas auf den Abgrund zusteuert und ihren Nachkommen Sicherheit und Nachhaltigkeit hinterlässt?

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