Sie haben wieder geischgelt

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By Sebastian Reinfeldt

Wir scheinen in einer Endlosschleife zu hängen. Wie mittlerweile bekannt wurde, sind drei weitere Mitarbeiter*innen der berüchtigten Après-Ski Bar Kitzloch in Ischgl positiv getestet worden. Damit wird ein veritables Cluster sichtbar, wahrscheinlich mit der hochansteckenden Omikron-Variante. Wie konnte das passieren? Aufgrund von Informationen, die uns Gäste des Etablissements zugespielt haben, lautet unsere Antwort: Ischgler Schlawinertum gepaart mit sorglosen Behörden, die erst dann agieren, wenn es schon zu spät ist. Für diese Recherche haben wir zudem beim Amt der Tiroler Landesregierung und beim Kitzloch-Betreiber Bernhard Zangerl nachgefragt.


Kellner servierten ohne Maske

Auf Google sind rezente Gäste-Bewertungen zum Kitzloch wie durch Zauberhand entfernt worden. Auf Tripadvisor allerdings kann ein Erfahrungsbericht von Kitzloch-Besucher*innen noch nachgelesen werden. Diese haben dort am 26. Dezember 2021 gegessen und wurden von Kellnern bedient, die keine Maske trugen. Und das, obwohl der Infektionsverdacht schon bekannt gewesen sei.

Nicht gelernt!,

steht da. Und als Erläuterung:

Haben dort am 26. Dezember gegessen, zwei Kellner haben keine Maske getragen. Die Tische waren sehr eng gestellt. Nun kam heute, am 27. Dezember, die Nachricht, dass ein Kellner Corona hat. Dies wusste das Restaurant seit dem 25. Dezember, trotzdem tragen die Kellner keine Maske. Man lernt scheinbar gar nichts. Das Essen war in Ordnung.

Maske als Kinnschutz

In mittlerweile gelöschten Erfahrungsberichten auf Google beschreiben Gäste im Detail, wie es dort zugegangen ist. Diese Berichte decken sich mit dem auf Tripadvisor Beschriebenen.

2 Kellner haben ihre FFP2-Maske den ganzen Abend hindurch als Kinnschutz getragen. (…)

Abstandsregeln: Die Tische waren extrem dich(t) gestellt. Dabei reden wir nicht über 1,5 Meter, sondern man hat mit dem Nachbartisch Lehne an Lehne gesessen. Nach dem Motto: Relax if you can …(but we couldn’t).

Dreckiger Boden: Bis 19 Uhr wird der Laden als Après-Skihütte verwendet und danach als Restaurant. Leider wird in diesem Wechsel nicht gewischt. So saßen wir mit einer 7er Gruppe in einer riesigen Bierlache, wodurch der Boden geklebt und gestunken hat.

Auszug aus einer Google-Rezension zum Kitzloch

Urlaub in Ischgl beendet – zu gefährlich

In einer weiteren Rezension auf Google werden diese Angaben ausdrücklich bestätigt. Berichtet wird weiterhin, dass es auch in den anderen „Feierbuden“ in Ischgl nicht anders zugehen würde.

Ich finde das ganz toll von Ischgl, dass mal wieder nicht eingegriffen wird und weitere Menschen, die einfach vernünftig Skifahren wollen, mit gefährdet werden. Nämlich die anderen Feierbuden sind nicht anders. Einer nach dem anderen kommt fallend aus den Feierbuden raus.

Verstöße gegen die Verordnung

Wenn diese Berichte zutreffen, dann haben die Kitzloch-Betreiber gegen die geltenden Gastronomie-Regeln verstoßen. Diese sehen laut Sozialministerium seit 12. Dezember 2021 vor:

  • Generelles Verbot von Nachtgastronomie inkl. Après-Ski
  • Generelles Verbot von Stehgastronomie
  • Generelles Verbot von Barbetrieb

In einem Video, das das Kitzloch selber auf Facebook online gestellt hat, sind diese Verstöße gegen die Verordnung deutlich zu erkennen.

Quelle: Facebook https://www.facebook.com/watch/?v=425994565912363

So ist an diesem 23. Dezember (da wurde das Video laut Facebook veröffentlicht) offensichtlich Barbetrieb im Lokal. Die Mitarbeiter*innen tragen lediglich ihr Handy als Maske und nach einem normalen Restaurantbetrieb schaut das Ganze auch nicht aus.

Widersprüchliche Informationspolitik der Tiroler Behörden

Nun können die Behörden natürlich nicht 24 Stunden vor Ort sein und kontrollieren. Aber, nachdem bekannt wurde, dass Omikron besonders ansteckend ist, haben solche – quasi historischen – touristischen Hot-Spots wie das Kitzloch in Ischgl natürlich besonderen Betreuungsbedarf. Doch man hat sie machen lassen, so wie auch schon im März 2020, als der gesamte Ort zum Superspreader-Gebiet wurde. Damals wie heute ist ein ähnlicher Ablauf erkennbar: Kurz nachdem die Infektion eines Kellners offiziell wurde (inoffiziell war sie wohl eh schon bekannt), wiegelt das Land Tirol ab. Via der österreichischen Nachrichtenagentur APA ließ sie am 28. Dezember die Meldung raus, dass der Kitzloch-Fall eh kein Omikron-Fall sei.

Corona – Kein Omikron bei „Kitzloch“-Fall

Betroffener Mitarbeiter war nicht geimpft

Ischgl (APA) Bei dem am Montag bekannt gewordenen Ischgler „Kitzloch“-Fall steckt nicht die Coronavirus-Variante Omikron dahinter. Die Labor-Auswertung der Probe habe keinen Hinweis auf Omikron ergeben, hieß es seitens des Landes gegenüber der APA.

So lautete die nicht-recherchierte Meldung der Agentur, die an alle Medienredaktionen im Land ging.

Einen Tag später, am Mittwoch, den 29. Dezember 2021, informiert zuerst das Kitzloch via Facebook, dass es an diesem Tag geschlossen habe. Alle Mitarbeiter*innen müssten nämlich zum PCR-Test antreten. Das Land Tirol korrigiert seine erste Meldung und tut das mit den Worten:

Nachdem es noch gestern keine Hinweise auf eine Omikron-Infektion bei der positiven Testung der Servicekraft im Kitzloch gab, haben nun aktuelle Nachmeldungen des auswertenden Labors doch eine Bestätigung für eine Omikron-Variante beim Kitzloch-Mitarbeiter ergeben.

Das Kitzloch testet sich frei

Die Tiroler Tageszeitung berichtet daraufhin, dass die Universität Innsbruck ihr eigenes Labor-Resultat nach sequenziert habe. Dabei habe man die Omikron-Variante in der PCR-Probe des Kellners entdeckt. Aus dem Kitzloch hört man laut der TT tags darauf, am 30. Dezember 2021, dass sich die Mitarbeiter*innen freitesten wollen. Die Infektion des Kollegen liege ja schon fünf Tage zurück.


Ausschnitt aus dem Artikel der Tiroler Tageszeitung

Wenige Stunden später, am frühen Nachmittag des 30. Dezember, kommt dann die (wenig überraschende) Meldung, dass drei weitere Mitarbeiter*innen des Kitzloch positiv getestet sind. Die Tiroler Landesregierung teilt auf Semiosis-Nachfrage zudem mit, dass es kurz vor Jahreswechsel in Ischgl insgesamt zwei bestätigte Omikron-Fälle gebe.

Was ist eigentlich mit den Kitzloch-Gästen?

Dieser Ablauf wirft Fragen auf. Die vordringlichste scheint uns: Was ist eigentlich mit den Gästen? Offenbar haben die Regelverstöße einen veritablen Kitzloch-Cluster produziert. Dieser betrifft natürlich die Mitarbeiter*innen, die hoffentlich einen milden Verlauf haben werden. Aber was ist eigentlich mit den Gästen?

Auf Semiosis-Nachfrage reagiert Florian Kurzthaler vom Amt der Tiroler Landesregierung:

Auf der Liste der Kontaktpersonen sind auch ausländische Personen vermerkt. Sofern möglich erfolgt hier die direkte Kontaktaufnahme mit den registrierten Personen.

Wenn das Setting in dem Lokal so war, wie oben beschrieben, dann sind auch bei ihnen Infektionen sehr wahrscheinlich. Es handelt sich, nach derzeitigem Wissen der Tiroler Landesregierung, um insgesamt 59 Gäste. Demnach besuchten am 23. Dezember 2021 genau 18 Personen das Lokal und 41 Personen an Heiligabend.

Die Ermittlungen wurden seitens der Polizei im Auftrag der Gesundheitsbehörde durchgeführt. Unmittelbar nach Kenntnis des positiven Falles der Servicekraft wurde – wie Sie sicherlich wissen – seitens der Gesundheitsbehörde zudem ein öffentlicher Aufruf gestartet.

Es wurden sämtliche MitarbeiterInnen PCR-getestet. Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden 16 MitarbeiterInnen abgesondert. Zudem hat die Gesundheitsbehörde ein Massenscreening aller MitarbeiterInnen des Unternehmens veranlasst.

Kitzloch-Betreiber: Heute haben wir offen

Wir wollten den Kitzloch-Betreiber Bernhard Zangerl mit den kritischen Gäste-Bewertungen konfrontieren. Am Telefon bat er um Verständnis, dass er die Fragen nun nicht beantworten könne. Es sei nämlich viel zu tun, denn:

Heute haben wir offen.

[30.12.2021, 17:30 Uhr]


Zum Nachlesen: Das Ischgl-Tagebuch

Die Journalistin Lydia Ninz hat ein Tagebuch für die Ereignisse im März 2020 geschrieben. In ihm sind Daten und Fakten der Ereignisse festgehalten, die zu dem guten Ruf Ischgl beitrugen. Alles ist mit Original-Dokumenten belegt.

Tagebuch


Das Titelfoto zeigt einen Journalistenbesuch beim Kitzloch im vergangenen Jahr.

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