Last-Minute Wahlkampf von Kern bei Milli Görüs und AKP

Christian Kern bei Milli Görüs

Samstagabend. Alle Parteien sind im Wahlkampf-Endspurt. Sie machen Beisel-Touren oder stehen an Nachtinfoständen. Immer noch sind viele Wählerinnen und Wähler unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben sollen. Und wo tourt der noch amtierende Bundeskanzler Kern? Im Restaurant Kent im 10. Wiener Gemeindebezirk hält er eine Rede, und das ausgerechnet vor AKP-, Milli Görüs und UETD-AnhängerInnen. Wenn es um Stimmen geht, wird dann doch nicht mehr so genau hingeschaut. Das war eigentlich versprochen worden. Eine Recherche von Sebastian Reinfeldt. (Erstpublikation am 15. Oktober 2017; leicht überarbeitet am 27. Juni 2020 aus aktuellem Anlass wieder veröffentlicht.)


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Frage: Lässt sich Faschismus abwählen?

Als über Twitter die ersten Meldungen über die Panzer, die auf der Bosporus-Brücke in Istanbul auffahren, eintrudelten, saß ich gerade im türkischen Kaffeehaus bei mir um die Ecke am Brunnenmarkt. Ich lief zum Kellner und zur Besitzerin, und fragte, was denn los sei. Sie hatten noch keine Infos, erfuhren erst durch mich davon. Nach 5 Minuten kamen sie an meinen Tisch und meinten: Hoffentlich klappt das. Erdogan ist ein Diktator – und es wäre gut, wenn er nicht mehr an der Macht ist. 60 Prozent der Menschen in der Türkei seien gegen ihn. Vielleicht würde es danach besser, erläuterten sie.

Die nächsten Stunden verbrachte ich dann, wie so viele andere, am Fernseher, bis zu dem Zeitpunkt, als die Feuergefechte der Putschisten mit der organisierten Menge live übertragen wurden. Bürgerkrieg live kann ich mir nicht ansehen. Zwischenzeitlich ist klar, dass der Putsch militärisch gescheitert ist, und bei rund 3000 festgenommenen Unterstützern wohl nie eine echte Chance hatte. Schlimm genug. Aber mindestens genauso stark wie die folgenden Säuberungen und die erneuten Einschränkungen aller demokratischen Menschenrechte in der Türkei, erschrecken mich die Einordnungen des Putsches und der organisierten Gegenwehr. „Das türkische Volk“ hat gesiegt, titelte der linksliberale Standard, ebenso kommentieren fast alle Leitmedien und PolitikerInnen am Tag danach. Mit dieser Einschätzung übereinstimmend rief die linksradikale Die Neue Linkswende noch in der Nacht zu einer Solidaritätskundgebung gegen den Putsch und für Erdogan am Samstag auf. Der demokratische Wille des türkischen Volkes würde vom Militär missachtet. Da sind offenbar allerhand Begrifflichkeiten durcheinander geraten. Von Sebastian Reinfeldt

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