Als die Geschäfte in Mattersburg sonntags noch offen waren

Es ist ein bekanntes Kuriosum, dass es den Ort Mattersdorf zwei Mal gibt: Ein Mal im Burgenland, seit 1928 unter dem Namen Mattersburg (oder Nagymarton), und ein zweites Mal im Norden Jerusalems unter dem Namen Kirjat Mattersdorf. Letzteres wurde 1948 vom letzten Mattersdorfer Oberrabiner Samuel Ehrenfeld gegründet. Er musste wie alle Jüdinnen und Juden seine Heimatstadt verlassen. Die „Mattersdorfer Gelehrsamkeit“ der Talmud-Hochschule aus Österreich verbreitet sich jetzt durch seinen Enkel Isaak Ehrenfeld im nah-fernen Israel.

Bereits am 8. Oktober 1938 verkündete nämlich die Kleine Volks-Zeitung voller Stolz, dass Mattersburg nunmehr „judenfrei“ sei. Etwa 530 Jüdinnen und Juden wurden in kürzester Zeit aus ihrer Heimat vertrieben, und das noch vor den November-Pogromen 1938. Mehr als 100 Mattersburger jüdischen Glaubens kamen später in den Konzentrationslagern um. Diese Lücke in der Stadt ist bis heute auch architektonisch sichtbar. Etwa dort, wo heute „das“ Mattersburger Hochhaus steht, befand sich die ehemalige Synagoge, die von den Nazis im September 1940 (wahrscheinlich samt einiger umliegender Häuser) weggesprengt worden war. Auch die Erinnerung an die jüdische Geschichte der Stadt sollte gewaltsam ausgelöscht werden, nicht nur ihre jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner. Lange Zeit blieb das Gelände rund um die ehemalige Synagoge Brachland. Heute lebt kein einziger Jude und keine einzige Jüdin mehr in der Stadt. Der Mattersburger Verein Wir erinnern setzt diesen österreichischen NS-Gewalttaten Erinnerungswege entgegen. Sebastian Reinfeldt ist einen solchen Weg mitgegangen.

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