Falsch beraten? Das Netz der Corona-Verharmloser*innen

Der Blog des Statistikers Erich Neuwirth bildet jeden Tag in Zahlen ab, was wir im Alltag erleben und von Bekannten und Familien hören: Eine zweite Infektionswelle mit COVID-19-Erkrankungen zieht durchs Land: 5000, 6000, 7000, 8000, 9000 positive Testergebnisse innerhalb von 24 Stunden vermeldet er seit Wochen. Kein Ende in Sicht. Daher sind wir nun im zweiten Lockdown.
Neuwirths Zahlen zeigen indes keine abstrakten Laborergebnisse an. In der Folge von Erkrankungen müssen immer mehr Menschen Hilfe in einem Krankenhaus in Anspruch nehmen („Hospitalisierungen„), auch in Intensivabteilungen. Und die Zahl der COVID-Toten steigt auch.

Wie konnte das passieren? Eine der Antworten auf diese Frage ist, dass seit Ende des ersten Lockdowns eine Reihe von Expertinnen und Experten uns medial weismachen wollen, dass das mit dem Coronavirus eh nicht so schlimm sei. Ihre Verbindungen reichen bis in die Stäbe der Ministerien. Ihre Behauptungen scheitern gerade hart an der Brutalität der zweiten Welle. Was sie nicht daran hindert, weiter öffentlich zu trommeln. Eine Recherche von Sebastian Reinfeldt, unter Mitwirkung von Walter Rafelsberger (Netzwerkgrafik und Recherche). Update 15.11. 16:50 Uhr mit Hinweis auf das John Snow Memorandum

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Wiener Bauen in Rot: Die Renditen des Investors am Heumarktareal

Das hat schon etwas von verkehrter Welt: Ausgerechnet in der liberal-konservativen deutschen Börsenzeitung FAZ wird über die Städteplanung der Stadt Wien festgestellt: Aus einer städtebaulichen Beschäftigung mit dem Ort und seinem Umfeldwurde eine immobilienwirtschaftliche Beschäftigung mit den Renditevorstellungen des Investors. Es geht dabei um das Areal rund um den Heumarkt, also um das Hotel Intercontinental … Weiterlesen

Das Hamerling – Wie aus „sozialer Nutzung“ ein leerstehendes Spekulationsobjekt wurde

Hinweis: Dieser Text wurde am 14.02. nach Rückmeldung des Vereins „Kinder in Wien“ korrigiert. 

Eine Seniorenresidenz und 50% soziale Nutzung. Das hat die Stadt für das Hamerling, einen Gebäudekomplex am Hamerlingpark, versprochen. Jahrelang stand er leer, dann wurde der Umbau politisch bejubelt. Übrig geblieben von der versprochenen sozialen Komponente sind enorm hohe Renditen und ein Kinderspielraum im Keller, der weniger als 1% „soziale Nutzung“ ausmacht. Dafür zahlt der Bezirk jährlich 70.000 Euro an einen ÖVP-nahen Verein. Ein echter Topdeal also. Überdies stehen die meisten Wohnungen und Residenzen bis heute leer.

Was sich wie eine Groteske anhört, beschreibt in Wahrheit die seltsame Wohnungspolitik der Wiener SPÖ und der Josefstädter ÖVP. Nur mühsam übertüncht durch Schönfärber-PR und großspurigen Ankündigungen. Man hofft wohl, dass sich niemand mehr erinnert. Christoph Ulbrich hat das öffentliche Tamtam nicht vergessen und nachrecherchiert. Heraus gekommen ist auch ein weiteres Beispiel der Wiener Spezialität, dass bei einem Deal dieselbe Person zwei Funktionen hat. Einmal auf Seite der Käufers und ein anderes mal auf Seite des Verkäufers auftaucht.

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Sein Geschäft verrichten: Gesundheitshotel Bad Traunstein

Kuren in Zeiten des Neoliberalismus, im Kurzentrum in Traunstein, das zum Gesundheitskonzern Künig gehört. Nachdem die Kurgäste die Folgen einer „endemische Norovirusinfektion“ zu spüren bekamen (viele Kurgäste infizierten sich mit diesem Magen-Darmvirus in kürzester Zeit), wurden sie wie nutzloses Material einfach weggeschafft und das Haus wurde leer geräumt. Sie vor Ort zu behandeln, lehnte die Kuranstalt ab. Der Literaturwissenschaftler Martin A. Hainz, der zu dieser Zeit in der Einrichtung weilte, beobachtete wie „alte Leutchen mit Brechdurchfall und Fieber ihre Koffer packen mussten.“ Auf sich selbst gestellt, natürlich. Auch berichtet er, dass man Infizierte und Gesunde per Bustransport wegbrachte. Einfach schnellstmöglich weg.

Die Betreiber der Einrichtung mit 92 Beschäftigten und rund 6 Millionen Euro Umsatz betonen zwar: „Das Wohlergehen und die Gesundheit unserer Gäste, steht an erster Stelle.“ Dass sie zugleich beklagen, 150.000 Euro Einnahmen verloren zu haben, gibt einen guten Einblick in ihre wahren Prioritäten. Und die waren in den Zeiten des Virus durchaus sichtbar. Ein Text zu diesem Fall von Martin A. Hainz.

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Spitalskrise in Wien: Übermüdete und unterbesetzte Pflege – menschenunwürdige Bedingungen für Patienten

Der Winter der Gangbetten, titelt die Zeitung Die Presse. Über Gangbetten trotz freier Zimmer im Wiener Wilhelminenspital berichtet aktuell der ORF. Tatsache ist, dass in den vergangenen Jahren für das Personal (Ärzte und Pflegekräfte) die Arbeit weiter verdichtet wurde, also mehr in weniger Zeit zu tun ist. Dass zentralisierte Krankenhaus-Monsterbauten entstehen, die weniger Leistungen anbieten. Und dass Stationen „aus Kostengründen“ geschlossen werden, wie es heißt. Auf kritische Mitarbeiter wird zudem enormer Druck ausgeübt, berichtet die Gewerkschaftsgruppe KiV/UG. Sie sollen mundtot gemacht werden. Wird das vorbildliche Wiener Gesundheitssystem gerade vorsätzlich zerstört?
Wir haben vor Ort recherchiert. Wilhelminenspital, Gastroenterolgie, Station E-Nord: „Für drei Stationen ist ein Arzt da. Patienten können die Schwestern rufen aber die, chronisch unterbesetzt, kommen nicht nach.“ Ein persönlicher Augenzeugenbericht und eine Analyse zum KAV.

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Die FPÖ will die soziale Volksgemeinschaft in Österreich

Es raschelte mal wieder im österreichischen Blätterwald, als Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) zum wiederholten Mal für eine blau-rote Zusammenarbeit plädierte. Dafür gäbe es tatsächlich Anknüpfungpunkte, meinen die Politikwissenschaftler Michael Fischer und Sebastian Reinfeldt in einem Semiosis-Gespräch über die derzeitige rechtspopulistische Welle in Österreich. „Beide wollen eigentlich eine imaginierte gute alte Zeit zurück haben. Ihre gute alte Zeit ist die der Hohezeit des Fordismus, die 1960er und 1970er Jahre. Als dominant die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung noch unhinterfragt war, als das patriarchale Familienmodell weitgehend befolgt wurde und als die sozialen Sicherungssysteme, die auf diesen Pfeilern aufruhen, noch bruchlos funktionierten.“

Angesichts eines möglichen Wahlerfolgs von FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im wiederholten Wahlgang am 4. Dezember 2016 sollten allerdings auch die Strategien der Linken unter die Lupe genommen werden. Denn sie sind anhaltend erfolglos im Kampf gegen diese politische Bewegung. Reinfeldt und Fischer unterbreiten am Ende ihrer gemeinsamen Analyse daher auch konkrete Vorschläge. So plädieren sie für eine Beantwortung der sozialen Frage, die nicht Rückgriffe auf vergangene Epochen macht, außerdem für einen europäischen Bundesstaat (weil eine gemeinsame Währung ohne gemeinsamen Haushalt keinen Sinn macht) und sie sind dafür, die kulturelle Frage, die die FPÖ aufgreift, offensiv zu beantworten.

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Bauernmarkt 1: Chronik einer Gentrifizierung

Bauernmarkt 1

Das Wohnhaus Bauernmarkt 1. ist ein denkmalgeschützter Barockbau direkt hinter der Peterskirche, nur einen Steinwurf vom Stephansplatz entfernt. Eine der besten Adressen Wiens. Dennoch hatte das Haus – das einmal ein Gemeindebau der Stadt Wien war – in den letzten Jahren immer weniger Bewohner. Demnächst zieht, nachdem er 40 Jahre am Bauernmarkt gewohnt hat, nun der letzte Mieter aus. Der Grund für die Gentrifizierung des Hauses liegt in Immobilienspekulation im großen Ausmaß, zahnlosem Denkmalschutz und dem dilettantischen Verkauf öffentlichen Eigentums. Christoph Ulbrich zeichnet die Geschichte des Hauses nach.

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Kuren in Zeiten des Neoliberalismus

Morgens, mittags und abends einfach nur ruhen – in einem bequemen Liegestuhl, im Winter in Decken gehüllt, im Sommer unter einem Sonnenschirm. Das war der gepflegte Müßiggang einer Liegekur in der Mikrowelt eines privaten Sanatoriums, die Thomas Mann ironisch im Zauberberg beschreibt. Das Ruhen und Rasten des gehobenen Bürgertums von damals stellt das Gegenmodell zur Kur heutzutage dar. „Werden sie aktiv, bewegen sie sich, verbessern Sie ihren Lebensstil! “ So lauten die aktuellen Imperative der österreichischen Pensionsversicherungsanstalt. Geblieben ist die Mikrowelt eines Sanatoriums, in dem die Menschen, die so wie ich im Turnus 35GA in Bad Sauerbrunn im Nordburgenland gelandet sind, für 3 Wochen leben. So ganz nebenbei lernen wir dabei ein Public Private Partnership der österreichischen Art kennen. – Von Sebastian Reinfeldt, derzeit Bad Sauerbrunn.

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AGO – Chronik einer (geplanten?) Pleite

Titelbild smile4life

In den 1990er Jahren begann das „New Public Management“ in der Stadt Wien. Im eigens dazu gegründeten Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) sollten „Qualität, Effizienz und Effektivität“ Einzug halten, so die Generaldirektion. Der KAV selber ist eine pseudoprivatwirtschaftliche Organisation, in der die zuständige politische Stadträtin – derzeit ist das Sonja Wehsely – Finanzchefin ist. Mit seiner Gründung entstanden neue Geschäftsmodelle, in dem öffentliche Leistungen an Private ausgelagert wurden. Ein Beispiel für eine Firma mit einem solchen Geschäftsmodell ist der Akademische Gästedienst Österreichs (AGO). Die Stadt Wien war lange sein Hauptauftraggeber.

Ende 2015 schlitterte der AGO in die Pleite. Wie kam es dazu? Und warum war die Pleite lange absehbar – und vielleicht sogar Teil des Geschäftsmodells gewesen? Wir haben die Geschichte von undurchsichtigen Auftragsvergaben, Auslagerungen und Einsparungen auf Kosten tausender Beschäftigter nachrecherchiert. Und wie die AGO-Geschäftsführer und die Stadt Wien davon profitiert haben. Vom Semiosis-Team, zusammengetragen von Christoph Ulbrich.

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